§ 8 (27). a. Frühlingsfest oder Festfeier der Sonne (?): * 62. Man baut Schneehütten, die man Abends mit inwendig aufgestellten Lichtern erleuchtet, die durch die hie und da dünngeschabten Wände hindurchschimmern (Marienberg).

b. Mummereien: 63. Abgesehen von etwaigen Maskenbällen und andern Lustbarkeiten, kleiden sich Kinder in altmodische oder sonst entstellende Tracht (Tiroler, Soldat, Handwerksbursche, Handelsmann und dergl. sind die gewöhnlichsten Verkleidungen) und überraschen am Nachmittag als „Fastnachtsnarren“ (vgl. [§ 53]) bekannte und befreundete Familien; ärmere ziehen wohl auch von dem Lärm der Gassenjugend begleitet von Haus zu Haus, um ein paar Pfennige zu verdienen. — * 64. Auf Dörfern (Raschau, Pöhla) kommt zuweilen noch ein sonderbarer Umzug vor, zwei Bursche, der eine auf dem anderen, der auf allen Vieren geht und in Form eines Thieres ausgestopft ist, reitend, stellen zusammen Reiter und Roß vor und so wandert man in Begleitung der Genossen von Haus zu Haus. — * 65. Der Bretzeljunge erscheint am Fastnachtsdienstag abenteuerlich ausstaffirt, z. B. mit geschminktem Gesicht und angeklebtem Schnurrbart, auf dem Kopf ein dreieckiger Hut mit einem großen Busch rother Papierstreifen als Federstutz, schwarze Jacke, auf der Brust mit weißer Schleife, weite Kniehosen, weiße Strümpfe und Schnallenschuhe. — Hin und wieder sieht man auch ein mit Pfannkuchen hausirendes Mädchen mit einem schief auf dem Kopf sitzenden Tyrolerhut, unter dem die langen künstlich geflochtenen Haarzöpfe herunterhängen, mit einem grünen Jäckchen, schwarzem mit bunten Streifen besetzten Rock, weißen Strümpfen und Schnürstiefeln (vgl. [589]).

c. „Kräppelschießen.* 66. Aermere Kinder, die sich meist auch verkleidet haben, gehen mit vorn gespitzten Stöckchen zu den Bauern, um Pfannkuchen, auch Krapfen oder „Kräppel“ geheißen, zu erbetteln. Man nennt dieses Ansprechen „Kräppel schießen“ oder „Spießeinrecken,“ weil, was den letzteren Ausdruck anbelangt, dabei die Bittenden ihre Stäbchen oder „Spieße“ durch die halbgeöffnete Stubenthüre hereinhalten. Dabei werden gewisse Liedchen gesungen oder gesprochen, vgl. [§ 99].

d. Aehnliche Gebräuche wie Weihnachten: aa) Reinlichkeit vergl. [§ 6 a.] [b.]: * 67. Man kehre den Schmutz aus allen vier Ecken der Stube, dann bleibt man vor Ungeziefer bewahrt (Marienberg). — * 68. Tags vorher (Montag) werden alle Stuben, der Boden und den Hausflur gewaschen, sowie der Stall gereinigt (Sehma), vgl. [446]. — * 69. Die Fenster werden von innen und außen gewaschen, dann werden sie im Sommer nicht so sehr von den Fliegen beschmutzt (Sehma), vgl. [410]. — * 70. Man wasche Wäsche, dann wird sie recht weiß (Schwarzenberg), vgl. [447]. — * 71. Man ziehe, wenn man Abends zu Tanze geht, ein neues Kleidungsstück, mindestens weiße Wäsche an (Sehma), vgl. [11], [398] u. [445].

bb. Bestimmte Speisen, vgl. [14] ff. 72. Allgemein ißt man (vgl. [398], [445] u. [589]) besonders an diesem Tage Pfannkuchen und Bretzeln. In den Familien werden außer Pfannkuchen, wohl auch Hefenklöse oder Haferstollen als Zukost zum Kaffee gebacken. — † 73. Hie und da sind Mittag neunerlei oder siebenerlei Gerichte gebräuchlich oder wenigstens bestimmte Speisen, namentlich (vgl. [§ 21, e]) Schweinefleisch mit Sauerkraut, geräuchertes Schweinefleisch mit Erbsen, Bratwurst mit Kartoffelbrei, Blutwurst mit Linsen, Häring mit Kartoffelsalat, Graupen, Grütze oder Hirsebrei ([§ 23, q.]), Klöse, gebackene Pflaumen. — * 74. Auch soll man viel Bier (vgl. [48]) oder Warmbier trinken, sonst nehmen die Kräfte ab und man stirbt in dem Jahre, vgl. [530]. — * 75. Man esse nicht viel Butter, sonst stoßen einen die Kühe, vgl. [397].

cc. Hausthiere: * 76. Die Kühe, Ochsen und Pferde bekommen Abends jedes ein Stück Brod, auf welches sogenanntes Bockauer Gesundheitspulver, mit Salz vermengt, gestreut ist, damit dieselben stark und gesund bleiben (Raschau), vgl. [16], [96], [397], [426] u. [462] ff. — * 77. Man führe das Vieh nicht aus dem Stall, weil man sonst keinen glücklichen Kauf thut (Annaberg, Raschau). — † 78. Vor Sonnenaufgang füttere man die Hühner innerhalb eines Reifens, oder flechte aus Stroh ein Hühnernest und stecke es dreimal, indem man sagt: „Bleib beim Haus, wie’s Bein beim Leib,“ durch die Beine, dann verlegen die Hennen die Eier nicht (Frohnau, Marienberg), vgl. [18] u. [432]. — * 79. Nach dem Abendessen oder um Mitternacht verstutzt man den Hühnern Flügel und Schwanz (Sehma, Raschau), vgl. [464].

dd. Obstbäume und Feldfrüchte, namentlich Flachs: * 80. Man beschneide die Obstbäume, dann kommen die Raupen nicht hinauf (Annaberg), vgl. [422] u. [465]. — † 81. Man behänge die Obstbäume mit Strohkränzen, dann tragen sie reichlich (Jöhstadt, Marienberg), vgl. [19], [421], [465] und Wuttke § 320. — * 82. Vor Sonnenaufgang binde man Strohbänder, dann kommen keine Mäuse in das Getreide (Frohnau), vgl. [412]. — † 83. Damit der Flachs gerathe, binde man zu den Arbeiten am Tage eine blaue Leinwandschürze um (Raschau, Lauter), verstecke am Abend die Spinnräder und tanze daheim (Zöblitz) oder gehe zu Tanze in die Schänke (vgl. [§ 53]), wozu die Hausfrau eine weiße Leinwandschürze umbinde. Dabei springe man recht hoch, d. h. man mache den sogenannten „Fosentsprung“ (Fastnachtssprung). Oder die Tänzer heben die Tänzerinnen in die Höhe und rufen dabei: „nätt wahr, su lank muß der Flachs wär’n“ (allg.), vgl. [471]. — 84. Fastnacht — oder auch Sylvester — Mitternachts 12 Uhr mit dem ersten Schlage springe die älteste Jungfrau des Hauses in ihrer Kammer auf den Tisch und mit dem letzten Schlage rückwärts herunter; so hoch wächst der Flachs (Annaberg, Raschau, Sehma), vgl. [471].

ee. Witterung: * 85. Wenn Fastnacht die Sonne scheint, gedeiht der Flachs (Ehrenfriedersdorf, Mildenau), oder genauer: ist am Tage Sonnenschein, Abends aber Regen oder Thauwetter („tropft es vom Zaune“), so gedeiht der Flachs (Sehma, Raschau), vgl. [723].

§ 9 (27). An Fastnacht schließt sich unmittelbar die Aschermittwoch und daher hat man auch diese in den Kreis des Aberglaubens gezogen, vgl. [593] ff.

86. Man zerstöre die Maulwurfshaufen, damit die Saat gedeihe (Marienberg), vgl. [422] u. [467]. — * 87. Man wasche die Stube nicht, sonst wird sie grau (Geier), vgl. [397].