[1] Note des Übersetzers: Everdine Huberte van Wynbergen.

Dreizehntes Kapitel.

—Und darf man nun wissen, warum Sie eigentlich suspendiert waren? fragte Duclari.

—O ja, gern! Denn da ich alles, was ich hierüber zu sagen habe, als wahr geben und sogar noch teilweise mit Beweisen belegen kann, so werden Sie daraus ersehen, dass ich nicht leichtfertig handelte, als ich in meiner Erzählung von dem vermissten Kinde das in Padang umlaufende Gerede nicht als durchaus ungereimt verwarf. Es wird einem sehr glaubwürdig erscheinen, sobald man unsern tapferen General in den Angelegenheiten kennen lernt, die mich betreffen.

Es waren also in meiner Kassenführung zu Natal Ungenauigkeiten und Versäumnisse vorgekommen. Sie wissen, wie jede Ungenauigkeit auf eigenen Schaden hinausläuft: niemals hat man durch Nachlässigkeit Geldes zuviel. Der Chef des Rechnungswesens zu Padang—der nun just mein besonderer Freund nicht war—behauptete, dass ein Fehlbetrag von Tausenden vorhanden sei. Doch beachten Sie wohl, dass man mich, solange ich in Natal war, darauf nicht aufmerksam gemacht hatte. Gänzlich unerwartet wurde mir eine Versetzung nach den Padangschen Oberlanden zu teil. Sie wissen, Verbrugge, dass auf Sumatra eine Stellung in den Oberlanden von Padang als vorteilhafter und angenehmer angesehen wird als eine solche in der nördlicher gelegenen Residentschaft. Da ich nur wenige Monate vorher den Gouverneur bei mir gesehen hatte—gleich werden Sie hören, warum und wie—und weil während seines Aufenthalts zu Natal und gerade in meinem Hause Dinge vorgefallen waren, bei deren Behandlung, wie ich meinte, ich mich sehr tüchtig gezeigt hatte, so nahm ich diese Versetzung als eine günstige Auszeichnung auf und verzog von Natal nach Padang. Ich machte die Reise auf einem französischen Schiff, der »Baobab« von Marseille, das zu Atjeh Pfeffer geladen hatte und ... natürlich bei Natal »Mangel an Trinkwasser« hatte. Sobald ich in Padang ankam, mit der Absicht, von da sogleich in die Binnenlande einzudringen, wollte ich nach Brauch und Pflicht den Gouverneur besuchen, doch er liess mir sagen, dass er mich nicht empfangen könne, und zugleich, dass ich meinen Verzug nach dem neuen Posten bis auf weiteren Befehl ausstellen müsste. Sie begreifen, dass ich hierüber sehr verwundert war, desto mehr, da er zu Natal mich in einer Stimmung verlassen hatte, die mir die Meinung einflössen musste, ziemlich gut bei ihm angeschrieben zu stehen. Ich hatte nur wenige Bekannte zu Padang, doch von diesen wenigen vernahm ich—oder vielmehr ich merkte es ihnen an—dass der General sehr erbost auf mich war. Ich sagte, dass ich es ihnen anmerkte, weil auf einem Aussenposten, wie Padang damals einer war, das Wohlwollen von vielen gelten konnte als der Gradmesser der Gnade, die man in den Augen des Gouverneurs gefunden hatte. Ich fühlte, dass ein Sturm im Anzug war, ohne zu wissen, aus welcher Ecke der Wind pfeifen würde. Da ich Geld nötig hatte, ersuchte ich diesen und jenen, mir damit unter die Arme zu greifen, und ich stand wirklich verdutzt, als man mir überall eine abweisende Antwort gab. Auf Padang war man, nicht minder wie anderswo in Indien, wo im allgemeinen der Kredit selbst eine allzu grosse Rolle spielt, in diesem Punkte sonst sehr tolerant gestimmt. Man würde in jedem anderen Fall mit Vergnügen einem Kontrolleur einige hundert Gulden vorgeschossen haben, der auf Reisen war und wider Erwarten irgendwo aufgehalten wurde. Doch mir versagte man alle Hülfe. Ich drang bei einzelnen darauf, dass sie mir die Ursache dieses Misstrauens nennen sollten, und mit Mühe erfuhr ich endlich, dass man in meiner Kassenverwaltung zu Natal Fehler und Versäumnisse entdeckt hätte, die mich einer ungetreuen Administration verdächtig machten. Dass Fehler in meiner Administration zu konstatieren waren, befremdete mich durchaus nicht. Gerade das Gegenteil würde mich verwundert haben. Doch wohl fand ich es wunderlich, dass der Gouverneur, der persönlich Zeuge gewesen war, wie ich, fortwährend fern von meinem Bureau, mit der Unzufriedenheit der Bevölkerung und mit anhaltenden Versuchen zum Aufstand zu kämpfen hatte ... dass er, der mich gar wegen dessen, was er »Beherztheit« nannte, besonders gelobt hatte, den entdeckten Fehlern den Namen der Untreue und Unehrlichkeit geben konnte. Es konnte doch niemand besser als er wissen, dass in diesen Dingen keinesfalls von etwas anderem die Rede sein konnte als von ‚force majeure‘.

Und, mochte man immer diese ‚force majeure‘ leugnen, wollte man mich auch verantwortlich machen für Fehler, die begangen waren in Augenblicken, da ich—in Lebensgefahr oftmals!—fern von der Kasse und was damit zusammenhing, deren Verwaltung einem andern anvertrauen musste; würde man auch fordern, dass ich, das eine thuend, das andere nicht hätte lassen sollen ... dann immer noch wäre ich allein einer Vernachlässigung zu zeihen gewesen, die mit »Untreue« nichts gemein hatte. Es bestanden überdies, in jenen Tagen vor allem, zahlreiche Beispiele dafür, dass die Regierung wohl einsah, wie mühevoll die Position der Beamten auf Sumatra war, und es schien denn auch im Prinzip angenommen, dass man bei solchen Dingen etwas durch die Finger zu sehen habe. Man begnügte sich damit, von den in Frage kommenden Beamten den Ersatz des Fehlenden zu fordern, und es mussten schon sehr deutliche Beweise vorhanden sein, bevor man das Wort »Untreue« aussprach oder nur daran dachte. Dies war denn auch so sehr Regel geworden, dass ich zu Natal dem Gouverneur selbst sagte, befürchten zu müssen, dass ich, nach der Untersuchung meiner Verbindlichkeiten auf den Bureaux zu Padang, viel werde zu zahlen haben, worauf er achselzuckend erwiderte: »Ach ... die Geldsachen!«, als fände er selbst, dass das Unwichtigere vor dem Wichtigeren zurückstehen müsse.

Nun gebe ich wohl zu, dass Geldfragen wichtig genug sind. Allein, wie gewichtig auch, sie waren in diesem Fall anderem Sorge und Arbeit Erheischenden untergeordnet. Wenn durch Vernachlässigung oder Versäumnis ein Fehlbetrag von einigen Tausenden verschuldet war, so nenne ich das an sich selbst keine Kleinigkeit. Aber wenn diese Tausende fehlten infolge meiner geglückten Bemühungen, dem Aufstande zuvorzukommen, der das Gebiet von Mandhéling in Feuer und Flammen zu setzen drohte, und die Atjinesen zurückkehren zu lassen in die Orte, aus denen wir sie eben mit Aufopferung von viel Volk und Geld verjagt hatten, so schwindet die Bedeutung eines solchen Mankos, und es war sogar als einigermassen unbillig anzusehen, jemandem die Rückzahlung desselben aufzuerlegen, der unendlich grössere Interessen gerettet hatte.

Und doch war ich der Ansicht, dergleichen müsse ersetzt werden. Denn indem man das nicht forderte, würde man der Unehrlichkeit Thür und Thor öffnen.

Nach tagelangem Warten—Sie können sich denken, in welcher Stimmung!—erhielt ich vom Sekretär des Gouverneurs einen Brief, worin man mir eröffnete, dass ich der Untreue verdächtig erscheine, mit dem Befehl, mich auf eine Anzahl von Bemängelungen, die meiner Verwaltung zuteil geworden waren, zu verantworten. Einzelne von ihnen konnte ich sofort richtig stellen. Für andere hingegen hatte ich die Einsicht bestimmter Schriftstücke nötig, und vor allem war es für mich von Wichtigkeit, den Dingen in Natal selbst auf den Grund zu gehen und bei meinen Beamten nach den Ursachen der gefundenen Differenzen zu forschen. Und wahrscheinlich wären auch da meine Bemühungen, Klarheit in alles zu bringen, von Erfolg gewesen. Die Unterlassung einer Abschreibung nach Mandhéling gesandter Gelder zum Beispiel—Sie wissen, Verbrugge, dass die Truppen im Binnenlande aus der Natalschen Kasse bezahlt werden—oder sonst etwas derartiges, das mir höchstwahrscheinlich sofort klar geworden wäre, wenn ich meine Nachforschungen am Platze selbst hätte anstellen können, hatte vielleicht hinter diesen ärgerlichen Fehlern gesteckt. Doch der General wollte mich nicht nach Natal reisen lassen. Diese Abweisung liess mir die Art, in der die Beschuldigung der Untreue gegen mich eingebracht war, noch auffälliger erscheinen. Warum in aller Welt war ich von Natal unerwarteterweise versetzt, und gar unter dem Verdacht der Veruntreuung? Warum teilte man mir diese entehrende Vermutung erst mit, als ich fern von dem Ort war, wo ich Gelegenheit gehabt hätte, mich zu verantworten? Und vor allem: warum wurden in meinem Falle diese Angelegenheiten so ohne weiteres in die ungünstigste Beleuchtung gerückt, im Widerspruch zu der angenommenen Gewohnheit und im Widerspruch mit aller Billigkeit?

Bevor ich noch all die Bemängelungen, so gut es mir ohne Archiv oder persönliche Unterrichtung möglich war, beantwortet hatte, erfuhr ich indirekt, dass der General so erzürnt auf mich war: »weil ich zu Natal ihm so widersprochen hätte; was denn auch«, so fügte man hinzu, »sehr verkehrt von mir gewesen wäre«.