Ja, er wollte helfen, ins Gleise bringen, retten, nicht verderben! Er hatte Mitleid mit dem Regenten. Er, der wusste, wie Geldmangel drückend sein kann, vor allem wo er Schmach und Erniedrigung mit sich führt, suchte nach Gründen der Schonung. Der Regent war alt und das Haupt eines Geschlechts, das auf grossem Fusse lebte in benachbarten Provinzen, wo viel Kaffee geerntet wurde und also viel Emolumente erzielt wurden. War es nicht peinigend für ihn, in der Lebensweise so weit hinter seinen jüngeren Verwandten zurückstehen zu müssen? Obendrein meinte der Mann, von Schwärmerei ergriffen, mit dem Wachsen seiner Jahre das Heil seiner Seele durch Bezahlung von Wallfahrten nach Mekka und durch Almosen an gebetsingende Müssiggänger erkaufen zu können. Die Beamten, die Havelaar in Lebak voraufgegangen waren, hatten nicht immer gutes Beispiel gegeben. Und endlich machte die ausgedehnte Lebaksche Familie des Regenten, die ihm vollständig zur Last lag, die Rückkehr zum rechten Wege sehr schwierig.
So suchte Havelaar nach Gründen, alle Strenge auszuschliessen und noch einmal versuchen zu können, was sich erreichen liess mit Milde.
Und er ging noch über Milde hinaus. Mit einem Edelmut, der an die Fehler erinnerte, die ihn so arm gemacht hatten, schoss er dem Regenten fortwährend auf eigene Verantwortung Geld vor, damit nicht irgend ein Zwang allzu stark zum Vergehen dränge, und er vergass wie gewöhnlich sich selbst so weit, dass er bereit war, sich und die Seinen auf das durchaus Nötige zu beschränken, um dem Regenten mit dem Wenigen unter die Arme zu greifen, das er noch von seinem Einkommen würde ersparen können.
Wenn noch der Beweis nötig erscheinen möchte für die Sanftmut, mit der Havelaar seine schwierige Pflicht erfüllte, so würde er gefunden werden können in einer mündlichen Botschaft, die er dem Kontrolleur auftrug, als derselbe einmal nach Serang zu reisen hatte: »Sagen Sie dem Residenten, er möge, wenn er von den Missbräuchen hört, die hier vorkommen, nicht glauben, dass ich dem gleichgültig gegenüberstehe. Ich mache nicht sogleich offiziell Meldung davon, weil ich den Regenten, mit dem ich Mitleid fühle, vor allzu grosser Strenge bewahren möchte und erst versuchen will, ihn durch Milde zur Pflicht zu bringen.«
Havelaar blieb häufig mehrere Tage hintereinander aus. Wenn er zu Hause war, fand man ihn meistens in dem Zimmer, das wir auf unserem Grundriss als siebentes Fach dargestellt sehen. Da sass er gewöhnlich zu schreiben und empfing da die Personen, die um Gehör ersuchen liessen. Er hatte diese Stelle gewählt, weil er dort in der Nähe seiner Tine war, die sich gewöhnlich im nebenan gelegenen Zimmer aufhielt. Denn so innig waren sie verbunden, dass Max, auch wenn er mit einer Arbeit beschäftigt war, die Aufmerksamkeit und Mühe erforderte, stetig das Bedürfnis fühlte, sie zu sehen oder zu hören. Es war oft spasshaft, wie er auf einmal ein Wort an sie richtete, das in seinen Gedanken über die ihn beschäftigenden Dinge aufdämmerte, und wie schnell sie, ohne zu wissen, was gerade vorlag, den Sinn seiner Meinung zu erfassen wusste, die er ihr gewöhnlich gar nicht einmal auseinandersetzte, als sei es selbstverständlich, dass sie wüsste, worauf er hinaus wolle. Häufig auch, wenn er unzufrieden war über seine eigene Arbeit oder über einen soeben empfangenen verdriesslichen Bericht, sprang er auf und sprach ein unfreundliches Wort zu ihr ... die doch schuldlos war an seiner Unzufriedenheit! Doch das hörte sie gern, denn es war ihr ein Beweis mehr, wie sehr sie ihr Max mit sich selbst identifizierte. Und es war auch niemals die Rede von einem Bedauern über solche scheinbare Härte oder von Vergebung auf der andern Seite. Das wäre ihnen vorgekommen, als hätte jemand sich selbst um Verzeihung gebeten, dass er ärgerlich sich vor den eigenen Kopf geschlagen hatte.
Sie kannte ihn denn auch so gut, dass sie genau wusste, wann sie da sein musste, um ihm einen Augenblick Erholung zu verschaffen ... genau, wann er ihres Rates bedurfte, und nicht minder genau, wann sie ihn allein lassen musste.
In diesem Zimmer sass Havelaar eines Morgens, als der Kontrolleur bei ihm eintrat, mit einem soeben empfangenen Brief in der Hand.
—Das ist eine schwierige Sache, M’nheer Havelaar, sagte er eintretend. Sehr schwierig!
Wenn ich nun sage, dass dieser Brief einfach Havelaars Beauftragung enthielt, aufzuklären, warum eine Veränderung in den Preisen von Holzarbeiten und im Arbeitslohn eingetreten sei, so wird der Leser finden, dass der Kontrolleur Verbrugge schon sehr schnell etwas schwierig fand. Ich beeile mich also hinzuzufügen, dass viele andere ebensowohl Schwierigkeiten in der Beantwortung dieser einfachen Frage gefunden haben würden.
Vor einigen Jahren war zu Rangkas-Betung ein Gefängnis gebaut worden. Nun ist es allgemein bekannt, dass die Beamten in den Binnenländern von Java die Kunst verstehen, Gebäude zu errichten, die Tausende wert sind, ohne mehr als ebensoviel Hunderte dafür auszugeben. Man erwirbt sich dadurch den Ruf der Tüchtigkeit und des Eifers in der Bedienung des Landes. Der Unterschied zwischen den ausgegebenen Geldern und dem Werte des dafür Erhaltenen wird durch unbezahlte Lieferungen oder unbezahlte Arbeit erzielt. Seit einigen Jahren bestehen Vorschriften, die dies verbieten. Ob sie innegehalten werden, steht hier nicht zur Frage. Ebensowenig, ob die Regierung selbst will, dass sie innegehalten werden mit einer Genauigkeit, die belastend auf das Budget des Baudepartements wirken würde. Es wird wohl hiermit gehen wie mit vielen anderen Vorschriften, die so menschenfreundlich auf dem Papier aussehen.