Ich hoffe ernstlich, dass Sie keinen einzigen Passus dieses Briefes aufnehmen werden als geschrieben in der Absicht, Sie zu kränken. Ich vertraue, dass Sie mich hinreichend kennen gelernt haben, um zu wissen, dass ich nicht mehr oder nicht weniger sage, als ich meine, und überdies gebe ich Ihnen noch zum Überfluss die Versicherung, dass meine Bemerkungen eigentlich weniger Sie betreffen, als die Schule, in der Sie zum Indischen Beamten erzogen wurden.
Diese circonstance atténuante würde jedoch hinfällig werden, wenn Sie, indem Sie noch länger mit mir verkehrten und dem Gouvernement unter meiner Leitung dienten, fortführen, dem Schlendrian zu folgen, gegen den ich mich auflehne.
Sie haben wahrgenommen, dass ich mich des »Euerwohledelgestrengen« begeben habe: es langweilte mich. Thun Sie es auch und lassen Sie unsere »Wohledelheit« und, wo es nötig ist, unsere »Gestrengheit« anderswo und vor allem anders erkennbar werden, als aus dieser langweilenden, sinnstörenden Titulatur.
Der Assistent-Resident von Lebak
Max Havelaar.«
Die Antwort auf diesen Brief erwies sich belastend für manchen von Havelaars Vorgängern, und sie bewies, dass er nicht so unrecht hatte, als er »die schlechten Beispiele früherer Zeit« mit unter die Gründe aufnahm, die für Schonung des Regenten sprechen konnten.
Ich bin mit der Mitteilung dieses Briefes der Zeit vorausgeeilt, um nun schon es klar werden zu lassen, wie wenig Hülfe Havelaar von dem Kontrolleur zu erwarten hatte, sobald ganz andere, wichtigere Dinge beim rechten Namen zu nennen waren, wenn schon diesem Beamten, der ohne Zweifel ein braver Mensch war, so zugeredet werden musste, dass er die Wahrheit sage, wo es sich doch nur um Angabe der Preise von Holz, Stein, Kalk und Arbeitslohn handelte. Man entnimmt also, dass er nicht allein mit der Macht der Personen zu kämpfen hatte, die aus unreellen Handlungen Vorteil zogen, sondern gleichzeitig auch mit der Furchtsamkeit derjenigen, die—wie sehr auch sie selbst diese unreellen Handlungen missbilligten—sich nicht berufen oder geeignet erachteten, hiergegen mit dem erforderlichen Mute aufzutreten.
Vielleicht wird man auch nach der Lektüre dieses Briefes einigermassen zurückkommen von der Geringschätzung der sklavischen Unterwürfigkeit des Javanen, der in Gegenwart seines Häuptlings die erhobene Beschuldigung, wie begründet immer sie sein mochte, feigherzig zurückzieht. Denn wenn man bedenkt, dass soviel Ursache zur Furcht vorhanden war selbst für den Europäischen Beamten, der doch wohl minder der Rache blossgestellt war, was wartete dann des armen Landbewohners, der, in einem Dorf fern vom Hauptplatz, ganz und gar der Macht seiner angeklagten Unterdrücker anheimfiel? Ist es ein Wunder, dass diese armen Menschen, erschreckt von den Folgen ihrer Keckheit, diesen Folgen zu entgehen oder sie durch demütige Unterwerfung zu mildern suchten?
Und es war nicht allein der Kontrolleur Verbrugge, der seine Pflicht mit einer ängstlichen Scheu that, die an Pflichtversäumnis grenzte. Auch der Djaksa, der Inländische Häuptling, der bei dem Landrat das Amt des öffentlichen Anklägers einnahm, betrat am liebsten abends, ungesehen und ohne Gefolge Havelaars Wohnung. Er, der dem Diebstahl entgegentreten musste, der den Auftrag hatte, den schleichenden Dieb zu überraschen, er schlich, als wäre er selbst der Dieb, der Überraschung fürchtete, mit leisem Tritt an der Hinterseite ins Haus hinein, nachdem er sich erst überzeugt hatte, dass kein Besuch da war, der ihn später als schuldig der Pflichterfüllung würde verraten können.
War es ein Wunder, dass Havelaars Seele betrübt war, und dass Tine mehr denn jemals es nötig fand, in sein Zimmer zu treten, um ihn aufzurichten, wenn sie ihn, das Haupt schwer auf die Hand gestützt, dasitzen sah?