Ach, Leser, dies alles nimmt mich recht mit. Und man sollte bei solchem Kummer sich damit ergötzen, Geschichten anzuhören über Büffel und Javanen? Was ist ein Büffel im Vergleich zu Fritzens Seligkeit? Was gehen mich die Angelegenheiten der Menschen in weiter Ferne an, wenn ich fürchten muss, dass Fritz durch seinen Unglauben, meinen eigenen Angelegenheiten Verderben bringt und dass er niemals ein tüchtiger Makler werden wird? Denn Wawelaar hat es selbst gesagt, dass Gott alles so regiert, dass Rechtgläubigkeit zum Reichtum führt. »Sehet nur, sagte er, ist nicht viel Reichtum in Niederland? Das kommt vom Glauben her. Ist nicht in Frankreich häufig Mord und Totschlag? Das kommt daher, dass sie dort katholisch sind. Sind nicht die Javanen arm? Es sind Heiden. Je länger die Holländer mit den Javanen Umgang pflegen, desto mehr Reichtum wird hier kommen und desto mehr Armut da drüben. Das ist Gottes Wille so!«

Ich bin erstaunt über Wawelaars Einsicht in Geschäftssachen. Denn es ist Thatsache, dass ich, der ich streng auf Religion halte, meine Geschäfte von Jahr zu Jahr weitere Fortschritte nehmen sehe, während die Busselinck & Waterman, die weder auf Gott noch auf sonstwas etwas geben, ihr Leben lang niederträchtige Pfuscher bleiben werden. Auch die Rosemeyers, die in Zucker machen und ein katholisches Mädchen halten, haben unlängst wieder 27% aus der Masse eines Juden annehmen müssen, der pleite war. Je mehr ich nachdenke, desto weiter komme ich in der Ergründung von Gottes unerforschlichen Wegen. Kürzlich hat es sich gezeigt, dass wieder dreissig Millionen Reingewinn erzielt sind durch den Verkauf von Produkten, die die Heiden geliefert haben, und darin ist nicht einmal eingerechnet, was ich daran verdient habe und die vielen andern, die von diesen Geschäften leben. Ist das nun nicht so, als ob der Herr sagte: »siehe da, dreissig Millionen zur Belohnung eures Glaubens«? Zeigt sich da nicht deutlich der Finger Gottes, der den Bösen lässet arbeiten, dass er den Gerechten erhalte? Ist das nicht ein Wink, auf dem guten Wege fortzuschreiten? Ein Wink, da drüben viel hervorbringen zu lassen, und hier auszuharren im wahren Glauben? Heisst es nicht darum »betet und arbeitet«, dass wir beten sollen und die Arbeit durch all das schwarze Kropzeug thun lassen, das kein Vaterunser kennt?

O, wie hat Wawelaar recht, wenn er Gottes Joch sanft nennt! Wie leicht wird die Last gemacht jedem, der glaubt! Ich bin eben in den Vierzigern und könnte austreten, wenn ich wollte, und nach Driebergen gehen, und nun seht daneben, wie es mit andern abläuft, die den Herrn verliessen. Gestern habe ich Shawlmann gesehen mit seiner Frau und ihrem Jungen: sie sahen aus wie Gespenster. Er ist bleich wie der Tod, seine Augen schwellen heraus, und seine Backen sind hohl. Seine Haltung ist gebeugt, obwohl er noch jünger ist als ich. Auch sie war sehr ärmlich gekleidet und schien wieder geweint zu haben. Nun, ich hatte ja gleich bemerkt, dass sie unzufrieden von Natur ist, denn ich brauche nur einmal jemanden zu sehen, um ihn zu beurteilen. Das kommt von der Erfahrung. Sie hatte eine Mantille von schwarzer Seide umhängen, und es war doch sehr kalt. Von Krinoline keine Spur. Ihr leichtes Kleid hing ihr schlapp um die Kniee, und am Rande waren Fransen. Er hatte nicht mal mehr seinen Shawl um und sah aus, als ob es Sommer wäre. Doch scheint er noch eine Art trotzigen Stolz zu besitzen, denn er gab einer armen Frau etwas, die auf der Brücke sass, und wer selbst so wenig hat, sündigt, wenn er noch weggiebt an andere. Übrigens, ich gebe niemals was auf der Strasse—das ist Grundsatz bei mir—denn ich sage mir immer, wenn ich so arme Menschen sehe: wer weiss, ob es nicht ihre eigene Schuld ist, und ich darf sie nicht bestärken in ihrem unrechten Wandel. Sonntags gebe ich zweimal: einmal für die Armen und einmal für die Kirche. So ist es in der Ordnung. Ich weiss nicht, ob Shawlmann mich gesehen hat, aber ich ging schnell vorbei und guckte nach oben, und dachte an die Gerechtigkeit Gottes, der ihn doch nicht so ohne Winterrock laufen lassen würde, wenn er besser aufgepasst hätte und nicht faul, dünkelhaft und kränklich wäre.

Was nun mein Buch betrifft, da darf ich wirklich wohl den Leser um Entschuldigung bitten für die unverzeihliche Art, in der Stern unsern Kontrakt missbraucht. Ich muss sagen, dass ich mit Unbehagen dem kommenden Kränzchenabend und der Liebesgeschichte von diesem Saïdjah entgegensehe. Der Leser weiss bereits, welche gesunden Anschauungen ich bezüglich der Liebe habe ... man denke nur an meine Beurteilung der Lustpartie nach dem Ganges. Dass junge Mädchen so etwas nett finden, kann ich wohl begreifen, doch es ist mir unerklärlich, dass Männer von Jahren solche Albernheiten ohne Ekel anhören. Mir ist sicher, dass ich auf dem anstehenden Kränzchen das Triolett von meinem Solitärspiel finde.

Ich werde mir Mühe geben, nichts von diesem Saïdjah zu hören, und hoffe, dass der Mann schnell heiratet, wenigstens wenn er der Held der Liebesgeschichte ist. Es ist nur gut von Stern, dass er vorher gewarnt hat, es werde eine eintönige Geschichte sein. Wenn er dann später mit etwas anderm beginnt, werde ich wieder zuhören. Aber das Herunterreissen der Indischen Verwaltung missfällt mir fast ebensosehr wie Liebesgeschichten. Man sieht aus allem, dass Stern jung ist und wenig Erfahrung hat. Um die Dinge recht zu beurteilen, muss man alles aus der Nähe sehen. Zur Zeit meiner Verheiratung bin ich selbst im Haag gewesen und habe mit meiner Frau das Moritzhaus besucht. Ich bin dort mit allen Gesellschaftsständen in Berührung gekommen, denn ich habe den Finanzminister vorbeifahren sehen, und wir haben zusammen Flanell gekauft in der Veenestraat—ich und meine Frau, meine ich—und nirgends habe ich auch nur das geringste Zeichen von Unzufriedenheit mit der Regierung wahrgenommen. Die Frau in dem Laden sah glücklich und zufrieden aus, und da nun im Jahre 1848 einzelne uns weiszumachen suchten, dass im Haag nicht alles so stände wie es sich gehörte, habe ich auf dem Kränzchen über diese Unzufriedenheit unumwunden meine Meinung gesagt. Ich fand Glauben, denn jeder wusste, dass ich aus Erfahrung sprach. Auch auf der Rückreise mit der Postkutsche hat der Postillon »Freut euch des Lebens« geblasen, und das würde der Mann doch nicht gethan haben, wenn es so übel stand. In dieser Weise habe ich auf alles geachtet und wusste also sofort, was man im Jahre 1848 von all dem Murren zu denken hatte.

Uns gegenüber wohnt eine Frau, deren Vetter in Ostindien einen »Toko« offen hält, wie sie dort einen Laden nennen. Wenn also alles so schlecht stände, wie Stern sagt, so würde sie doch auch wohl etwas davon wissen, und es scheint doch, dass sie sehr zufrieden ist mit den Geschäften, denn ich höre sie niemals klagen. Im Gegenteil, sie sagt, dass ihr Vetter da auf einem Landsitz wohnt, und dass er Mitglied vom Kirchenrat ist, und dass er ihr einen pfauenfedernen Zigarrenbehälter geschickt hat, den er selbst aus Bambus gemacht hätte. Dies alles zeigt doch deutlich, wie unbegründet das Gejammer über schlechte Zeiten ist. Gleichfalls ersieht man daraus, dass für jemanden, der nur aufpassen will, in dem Lande wohl noch was zu verdienen ist, und dass also dieser Shawlmann auch da schon faul, dünkelhaft und kränklich gewesen ist, sonst würde er nicht so arm nach Haus gekommen sein und hier ohne Winterrock herumlaufen. Und der Vetter von der Frau uns gegenüber ist nicht der einzige, der im Osten sein Glück gemacht hat. Im »Café Polen« hier bei uns in Amsterdam, wo so viele Börsenbesucher verkehren, sehe ich viele, die dort gewesen sind und wirklich verflucht nobel auftreten. Aber selbstverständlich, aufs Geschäft muss man acht geben, da drüben so gut wie hier. Auf Java werden die gebratenen Tauben niemandem in den Mund fliegen: es muss gearbeitet werden! Wer das nicht will, ist arm und bleibt arm, das ist wohl selbstredend, und es ist auch gut so.

Siebzehntes Kapitel.

Saïdjahs Vater hatte einen Büffel, mit dem er sein Feld bestellte. Als nun dieser Büffel durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang ihm abgenommen wurde, war er sehr betrübt und sprach viele Tage lang kein Wort. Denn die Zeit des Pflügens war nahe, und es war zu befürchten, dass, wenn man die Sawah nicht zeitig bearbeitete, auch die Zeit des Säens vorübergehen werde, und endlich, dass kein Reis geschnitten und im Lombong des Hauses geborgen werden könnte.

Ich muss hierbei für Leser, die wohl Java, jedoch nicht Bantam kennen, die Bemerkung machen, dass in dieser Residentschaft »persönliches Grundeigentum« besteht, was anderswo nicht der Fall ist.

Saïdjahs Vater also war sehr bekümmert. Er fürchtete, dass seine Frau Reis nötig haben werde, und auch Saïdjah, der noch ein Kind war, und die Brüderchen und Schwesterchen von Saïdjah.