»Schreiben Sie doch solch sinnlose Dinge nicht an Ihren Papa, Stern!« habe ich gesagt, und vielleicht sagte ich das etwas hitzig, denn ich kann keine Unwahrheit leiden, das ist immer ein fester Grundsatz bei mir gewesen. Ich habe gleich denselben Abend an den alten Stern geschrieben, dass er ein bisschen Eile hinter seine Ordres setzen und vor allem vor falschen Berichten auf der Hut sein müsse, denn der Kaffee steht sehr gut.

Der Leser empfindet wohl, was ich beim Anhören dieser letzten Kapitel wieder ausgestanden habe. Ich habe im Kinderzimmer ein Solitärspiel gefunden, und das nehme ich fortan mit aufs Kränzchen. Hatte ich nicht recht, als ich sagte, dass dieser Shawlmann alle toll gemacht hat mit seinem Paket? Sollte man aus all dem Geschreib von Stern—und Fritz macht auch mit, das ist gewiss!—wohl junge Leute wiedererkennen, die in einem vornehmen Hause erzogen werden? Was für alberne Ausfälle sind das gegen eine Krankheit, die sich in dem Verlangen nach einem Ruhesitz äussert? Ist das auf mich gemünzt? Darf ich nicht nach Driebergen gehen, wenn Fritz Makler ist? Und wer spricht von Bauchwehanfällen in Gesellschaft von Frauen und Mädchen? Es ist ein fester Grundsatz bei mir, immer mässig und gelassen zu bleiben—denn ich halte das für nützlich in Geschäften—doch ich muss sagen, dass es mich manchmal grosse Mühe kostete beim Anhören von all dem überspannten Kram, den Stern vorliest. Was will er denn nur? Was wird das Ende sein? Wann kommt denn nun endlich etwas Solides? Was geht es mich an, ob dieser Havelaar seinen Garten schön in Stand hält, und ob die Menschen bei ihm vorn oder hinten hineinkommen? Bei Busselinck & Waterman muss man durch einen ganz schmalen Gang, an einem Ölspeicher entlang, wo es ganz muffig und dreckig ist. Und dann das lange Gesaires über die Büffel! Was brauchen sie Büffel zu haben, diese Schwarzen! Ich habe noch niemals einen Büffel gehabt und bin doch zufrieden. Es giebt Menschen, die ewig klagen. Und was das Schimpfen auf die Zwangsarbeit betrifft, man sieht wohl, dass er die Predigt von Pastor Wawelaar nicht gehört hat, sonst würde er wissen, wie nützlich dieses Arbeiten für die Ausbreitung des Reiches Gottes ist. Allerdings, er ist lutherisch.

O, bestimmt, wenn ich eine Ahnung hätte haben können, wie er das Buch schreiben würde, das von solcher Bedeutung werden muss für alle Makler in Kaffee—und für andere—dann hätte ich’s lieber selbst gethan. Doch hat er eine Stütze an den Rosemeyers, die in Zucker machen, und das macht ihm soviel Mut. Ich habe geradeaus gesagt—denn ich bin aufrichtig in solchen Sachen—dass wir uns die Geschichte von dem Saïdjah wohl würden schenken können, aber da kriegte ich es auf einmal mit Luise Rosemeyer zu thun. Es scheint, dass Stern ihr gesagt hat, dass was von Liebe drin vorkommen sollte, und da sind solche Mädchen toll nach. Ich würde mich jedoch hierdurch nicht haben abschrecken lassen, wenn mir nur die Rosemeyers nicht gesagt hätten, dass sie gern mit Sterns Vater Bekanntschaft machen möchten. Das natürlich nur deswegen, um durch den Vater zu dem Onkel zu kommen, der in Zucker macht. Wenn ich nun zu stark für den gesunden Menschenverstand Partei ergreife gegen den jungen Stern, so lade ich den Schein auf mich, als wenn ich sie von ihm abziehen wollte, und das ist durchaus nicht der Fall, denn sie machen in Zucker.

Ich kann durchaus nicht hinter Sterns Absichten mit seinem Geschreib kommen. Es giebt immer unzufriedene Menschen, und steht es ihm nun schön, der er soviel Gutes geniesst in Holland—diese Woche noch hat meine Frau ihm Kamillenthee aufgebrüht—steht es ihm wohl gut, dass er so auf die Regierung schimpft? Will er damit die allgemeine Unzufriedenheit noch mehr anfachen? Will er Generalgouverneur werden? Er ist anmassend genug dazu ... um es zu wollen, meine ich. Ich stellte vorgestern diesbezüglich eine Frage an ihn und fügte geradeaus hinzu, dass sein Holländisch noch sehr mangelhaft sei. »O, damit hat’s keine Schwierigkeiten, sagte er; es scheint nur selten ein General-gouverneur dorthin geschickt zu werden, der die Sprache des Landes versteht.« Was soll ich nun anfangen mit so einem Naseweis? Er hat nicht den geringsten Respekt vor meiner Erfahrung. Als ich ihm diese Woche sagte, dass ich bereits siebzehn Jahre Makler wäre und schon zwanzig Jahre die Börse besuchte, führte er Busselinck & Waterman an, die schon achtzehn Jahre Makler sind, und, sagte er, »die haben also ein Jahr Erfahrung mehr«. So fing er mich, denn ich muss, weil ich auf Wahrheit halte, wohl zugeben, dass Busselinck & Waterman wenig vom Geschäft verstehen und dass es niederträchtige Pfuscher sind.

Marie ist auch angesteckt. Denkt euch, diese Woche—sie war an der Reihe mit dem Vorlesen beim Frühstück, und wir waren bei der Geschichte von Lot—hielt sie plötzlich auf und wollte nicht weiterlesen. Meine Frau, die ebensosehr wie ich auf Religion hält, suchte sie mit Güte zum Gehorsam zu bewegen, weil es sich doch für ein sittsames Mädchen nicht passt, so eigensinnig zu sein. Alles vergeblich! Darauf musste ich als Vater mit grosser Strenge sie vermahnen, denn sie verdarb mit ihrer Hartnäckigkeit die Morgenerbauung beim Frühstück, was immer ungünstig auf den ganzen Tag wirkt. Doch es war nichts mit ihr anzufangen, und sie ging so weit, dass sie sagte, sie wollte lieber totgeschlagen werden, als dass sie weiterläse. Ich habe sie mit drei Tagen Stubenarrest bestraft, bei Kaffee und Brot, und hoffe, dass ihr das gut thun wird. Um zugleich diese Strafe für die sittliche Besserung dienen zu lassen, habe ich ihr aufgegeben, das Kapitel, das sie nicht lesen wollte, zehnmal abzuschreiben, und ich bin zu dieser Strenge vor allem übergegangen, weil ich bemerkt habe, dass sie in der letzten Zeit—ob dies von Stern kommt, weiss ich nicht—Ansichten angenommen hat, die mir gefährlich für die Sittlichkeit scheinen, auf die meine Frau und ich so sehr viel geben. Ich habe sie unter anderm ein französisches Lied singen hören—von Béranger, glaube ich—worin eine arme alte Bettlerin beklagt wird, die in ihrer Jugend an einem Theater sang, und gestern erschien sie beim Frühstück ohne Korsett—unsere Marie, meine ich—was doch nicht anständig ist.

Auch muss ich sagen, dass Fritz wenig Gutes mit nach Hause genommen hat von der Betstunde. Ich war recht zufrieden gewesen über sein Stillsitzen in der Kirche. Er rührte sich nicht und wandte kein Auge von der Kanzel, doch später erfuhr ich, dass Betsy Rosemeyer im Taufgestühle gesessen hatte. Ich habe nichts dagegen gesagt, denn man muss nicht allzustreng gegen junge Leute sein, und die Rosemeyers sind ein anständiges Haus. Sie haben ihrer ältesten Tochter, die an den Bruggeman in Droguen verheiratet ist, eine recht nette Mitgift ausgesetzt, und darum glaube ich, dass so etwas Fritz vom Westermarkt abhält, was mir sehr angenehm ist, denn ich gebe soviel auf Sittlichkeit.

Allein dies hindert nicht, dass es mich ärgert, zu sehen, wie Fritz sein Herz verhärtet, gerade wie Pharao, der minder schuldig war wie er, da er keinen Vater hatte, der ihm immerwährend den rechten Weg wies, denn von dem alten Pharao sagt die Schrift nichts. Pastor Wawelaar klagt über seine Anmassendheit—über Fritzens, meine ich—in der Katechismusstunde, und der Junge scheint—natürlich wieder aus dem Paket von Shawlmann—eine Naseweisigkeit sich angeeignet zu haben, die den sonst sinnigen Wawelaar ganz aus der Fassung bringt. Es ist rührend, wie der würdige Mann, der häufig Kaffee bei uns trinkt, bei Fritz auf das Gefühl zu wirken sucht, und wie der Bengel jedesmal neue Fragen bei der Hand hat, die die Widerborstigkeit seines Gemüts verraten ... es stammt alles aus dem verfluchten Paket von Shawlmann! Mit Thränen der Rührung auf den Wangen versucht der eifrige Diener des Evangeliums ihn zu bewegen, abzulassen von der Weisheit nach dem Menschen, um eingeführt zu werden in die Geheimnisse der Weisheit Gottes. Mit Milde und Zärtlichkeit fleht er ihn an, doch nicht das Brot des ewigen Lebens zu verwerfen und solchermassen in Satans Klauen zu fallen, der mit seinen Engeln das Feuer bewohnt, das ihm bereitet ist für alle Ewigkeit. »O, sagte er gestern—Wawelaar meine ich—o, mein junger Freund, öffnen Sie doch die Augen und die Ohren und hören Sie und sehen, was der Herr Ihnen giebt zu hören und zu sehen durch meinen Mund. Achten Sie auf die Zeugnisse der Heiligen, die gestorben sind für den wahren Glauben! Sehen Sie Stephanus, wie er niedersinkt unter den Feldsteinen, die ihn zerschmettern! Sehen Sie, wie noch sein Blick zum Himmel gerichtet ist, und wie noch seine Zunge Psalmen singt ...«

»Ich hätte lieber wiedergeschmissen!« sagte Fritz darauf.—Leser, was soll ich mit dem Jungen anfangen?

Einen Augenblick später begann Wawelaar aufs neue, denn er ist ein eifriger Knecht Gottes und lässt nicht ab von der Arbeit. »O, junger Freund, sagte er, öffnen Sie doch,« ... der Anfang war so wie vorhin. »Doch, fuhr er fort, können Sie unbewegt bleiben, wenn Sie bedenken, was aus Ihnen werden wird, wenn Sie einmal werden gezählt werden zu den Böcken auf der linken Seite ...«

Da brach der Taugenichts in Gelächter aus—Fritz, meine ich—und auch Marie fing an zu lachen. Sogar meinte ich etwas wie Lachen auf dem Gesicht meiner Frau zu entdecken. Doch da bin ich Wawelaar zu Hülfe gekommen, ich habe Fritz mit einer Busse aus seinem Spartopf belegt, die an die Missionsgesellschaft gezahlt werden soll.