Es ist eine eigentümliche Erscheinung—herzuleiten vielleicht aus einer Art Trägheit, die die Mühe dies Selbst-Urteilens scheut—wie leicht man Personen Vertrauen schenkt, die sich den Schein höherer Kenntnis zu geben wissen, sobald nur diese Kenntnis aus Quellen geschöpft sein kann, die nicht jedem zugänglich sind. Die Ursache liegt vielleicht darin, dass durch die Anerkennung eines derartigen Übergewichts die Eigenliebe weniger gekränkt wird, als es der Fall sein würde, wenn man sich derselben Hülfsmittel hätte bedienen können, wodurch etwas wie Wetteifer entstehen würde. Es fällt dem Volksvertreter leicht, seine Empfindlichkeit aufzugeben, sobald ihn jemand bekämpft, von dem man annehmen kann, dass er ein zutreffenderes Urteil fällt als er, wenn nur diese vorausgesetzte grössere Zutreffendheit nicht persönlicher Tüchtigkeit zugeschrieben werden braucht—deren Anerkennung schwerer fallen würde—sondern allein den besonderen Umständen, die sich diesem Gegner günstig erwiesen.

Und ohne von denen zu reden, »die solche hohen Stellungen in Indien einnahmen«: es ist wirklich sonderbar, wie man vielfach der Meinung von Personen Wert beilegt, die nichts weiter besitzen, was diese Anerkennung rechtfertigt, als die »Erinnerung an einen soundsovieljährigen Aufenthalt in diesen Gegenden«. Das ist um so mehr merkwürdig, als sie, die Gewicht auf solchen Beweisgrund legen, doch nicht bereitwillig alles annehmen würden, was ihnen von irgend einem, der erkennen liess, dass er vierzig oder fünfzig Jahre in Niederland gewohnt, über den Haushalt des Niederländischen Staates gesagt werden würde. Es giebt Personen, die sich ebenso lange in Niederländisch-Indien aufhielten, ohne je mit der Bevölkerung oder mit Inländischen Häuptlingen in Berührung gekommen zu sein, und es ist betrübend, dass der Rat von Indien sehr oft ganz oder zum grossen Teil aus solchen Personen zusammengesetzt ist, ja, dass man selbst Mittel gefunden hat, den König Ernennungen von Leuten zum Generalgouverneur zeichnen zu lassen, die zu dieser Art von Spezialitäten gehören.

Als ich sagte, dass die Annahme der Tauglichkeit eines neuernannten Generalgouverneurs uns zu der Ansicht berechtige, dass man ihn für ein Genie hielt, war es keineswegs meine Absicht, die Ernennung von Genies anzuempfehlen. Abgesehen von der Misslichkeit, die darin bestände, dass man einen so wichtigen Posten fortwährend unbesetzt liesse, spricht noch ein anderer Grund dagegen. Ein Genie würde unter dem Ministerium für die Kolonien nicht arbeiten können und also unbrauchbar sein für den Posten des Generalgouverneurs ... wie das Genies ja mehrfach sind.

Es wäre vielleicht zu wünschen, dass die von mir in der Form einer Krankheitsgeschichte mitgeteilten Hauptmängel die Beachtung derjenigen erregten, die zur Wahl eines neuen Landvogts berufen sind. Vor allem die Wichtigkeit betonend, dass all die Personen, die für den Posten des Generalgouverneurs in Vorschlag gebracht werden, rechtschaffen seien und im Besitz eines Fassungsvermögens, das sie einigermassen befähigt, zu lernen, was sie werden wissen müssen, halte ich es darnach für sehr notwendig, dass man mit einigem begründeten Vertrauen von den Kandidaten die Vermeidung jener anmassenden Besserwisserei im Anfang, und vor allem jener apathischen Schläfrigkeit in den letzten Jahren ihrer Verwaltung erwarten kann. Ich habe schon darauf hingewiesen, dass Havelaar bei seiner schweren Verpflichtung sich auf den Beistand des Generalgouverneurs vermeinte stützen zu können, und ich fügte hinzu, »dass diese Meinung naiv war«. Dieser Generalgouverneur erwartete seinen Nachfolger: die Ruhe in Niederland winkte!

Wir werden sehen, was diese Neigung zu Schlaf der Abteilung Lebak, Havelaar und auch dem Javanen Saïdjah eingebracht hat, zu dessen eintöniger Geschichte—einer unter sehr vielen!—ich jetzt übergehe.

Ja, eintönig wird sie sein! Eintönig wie die Erzählung von der Arbeitsamkeit der Ameise, die ihren Beitrag zum Wintervorrat den Erdklumpen—den Berg—hinanschleppen muss, der auf dem Wege zur Vorratskammer liegt. Jedesmal fällt sie zurück mit ihrer Fracht, um jedesmal wieder zu versuchen, ob sie wohl endlich festen Fuss fassen werde auf dem Steinchen dort oben—auf dem Felsen, der den Berg krönt. Aber zwischen ihr und diesem Gipfel ist ein Abgrund, der überholt werden muss ... eine Tiefe, die tausend Ameisen nicht ausfüllen würden. Darum muss sie, die nur eben die Kraft hat, ihre Last, die viele Male schwerer ist als ihr eigener Körper, auf ebenem Grund fortzuschleppen, sich weit emporheben und sich auf einem schwankenden Fleck hoch aufgerichtet halten. Sie muss das Gleichgewicht bewahren, wenn sie sich aufrichtet mit der Last zwischen ihren Vorderfüsschen. Sie muss sie umklammern und muss in steter Aufwärtsrichtung streben, sie auf den Punkt, der aus der Felswand hervorspringt, niederzusenken. Sie wankt, sie schwankt, sie erstickt, die Kraft verlässt sie, sie sucht sich an dem halb entwurzelten Baumstamm zu halten, der mit seiner Krone in die Tiefe weist—ein Grashalm!—sie findet nicht den Stützpunkt, den sie sucht: der Baum schnellt zurück—der Grashalm weicht unter ihrem Fuss—ach, die Ärmste stürzt in die Tiefe mit ihrer Fracht. Dann ist sie einen Augenblick still, wohl eine ganze Sekunde lang—was viel ist in dem Leben einer Ameise. Ob sie betäubt ist von dem Schmerz ihres Sturzes? Oder überlässt sie sich missmutiger Stimmung, da soviel Anspannung eitel war? Doch sie verliert den Mut nicht. Wieder ergreift sie ihre Last und wieder schleppt sie sie nach oben, um darauf noch einmal und immer noch einmal in die Tiefe niederzustürzen.

So eintönig ist meine Geschichte. Allein, nicht von Ameisen will ich sprechen, deren Freud und Leid unserer Wahrnehmung wegen der Grobheit der menschlichen Sinne entgeht. Ich will erzählen von Menschen, von Wesen, die ein Empfinden haben wie wir. Allerdings, wer Rührung scheut und lästigem Mitleid entgehen will, der wird sagen, dass diese Menschen gelb sind, oder braun—viele nennen sie schwarz—und für diese ist die Abweichung in der Farbe Grund genug, ihr Auge von diesem Elend abzuwenden, oder zum mindesten, wenn sie darauf niedersehen, es zu thun sonder Rührung.

Meine Erzählung ist also allein an diejenigen gerichtet, die fähig sind zu dem schwierigen Glauben, dass da Herzen klopfen unter dieser dunklen Haut, und dass, wer gesegnet ist mit Weisse und dem damit verbundenen Vorzug an Bildung, Edelmut, Handels- und Gotteskenntnis, Tugend ... dass der seine schimmernd weissen Qualitäten auf andere Weise zur Geltung bringen könnte, als es bis jetzt diejenigen erfahren haben, die minder gesegnet sind in Bezug auf Hautfarbe und allerhand Seelenvortrefflichkeit.

Mein Vertrauen auf Mitgefühl mit den Javanen geht jedoch nicht so weit, dass ihr bei der Beschreibung, wie man den letzten Büffel aus dem Kendang raubt, bei Tage, ohne Scheu, unter dem Schutze der Niederländischen Autorität ... wenn ich hinter dem weggeführten Rinde her den Eigner folgen lasse mit seinen weinenden Kindern ... wenn ich ihn niedersitzen lasse auf der Treppe vor des Räubers Hause, sprachlos, wesenlos und versunken in Schmerz ... wenn ich ihn von da verjagen lasse mit Hohn und Schmach, mit Androhung von Stockprügeln und Blockgefängnis ... seht, ich fordere nicht—noch erwarte ich, o Niederländer!—dass ihr euch dadurch in gleichem Masse ergreifen lasset, als wenn ich euch das Los eines Bauern schilderte, dem man seine Kuh wegnahm. Ich verlange keine Thräne bei den Thränen, die über so dunkle Angesichter fliessen, noch edlen Zorn, wenn ich von der Verzweiflung der Beraubten sprechen werde. Ebensowenig erwarte ich, dass ihr aufstehen werdet und mit meinem Buche in der Hand vor den König tretet und sagt: »Sieh, o König, das geschieht in deinem Reich, in deinem schönen Reiche Insulinde!«

Nein, nein, nein, das alles erwarte ich nicht! Zuviel Leides in der Nähe macht sich Meister eures Gefühls, als dass es euch so viel Gefühl überliesse für etwas, das so fern liegt! Werden nicht all eure Nerven in Spannung gehalten durch die Unannehmlichkeiten der Wahl eines neuen Kammermitgliedes? Schwankt nicht eure entzweite Seele zwischen den weltberühmten Verdiensten der Nichtigkeit A und der Unbedeutendheit B? Und habt ihr nicht eure teuren Thränen für ernstere Dinge nötig als ... doch was brauche ich mehr zu sagen! War es nicht gestern flau auf der Börse, und drohte nicht etwas lebhafterer Import dem Kaffeemarkt mit Sinken?