Saïdjah kam in Batavia an. Er bat einen Herrn, dass er ihn in Dienst nehme, und dieser that es auf der Stelle, weil er Saïdjah nicht verstand. Denn in Batavia hat man gern Bedienstete, die noch kein Malayisch sprechen und also noch nicht verdorben sind wie die andern, die schon länger mit der europäischen Kultur in Berührung stehen. Saïdjah lernte bald Malayisch, aber er passte brav auf, denn er dachte stets an die zwei Büffel, die er kaufen wollte, und an Adinda. Er wurde gross und stark, weil er alle Tage ass, was in Badur nicht immer möglich war. Er war beliebt im Stall und wäre sicher nicht abgewiesen worden, wenn er die Tochter des Kutschers zum Weibe begehrt hätte. Sein Herr selbst hielt so viel von Saïdjah, dass er gar bald zum Hausbedienten erhoben wurde. Man erhöhte seinen Lohn und gab ihm obendrein fortwährend Geschenke, weil man so besonders zufrieden mit seinen Diensten war. Mevrouw hatte den Roman von Sue gelesen, der so viel Aufsehen machte, und wurde nun stets an den Prinzen Djalma erinnert, wenn sie Saïdjah sah. Auch die jungen Damen des Hauses begriffen nun besser als früher, wie der javanische Maler Radhen Saleh zu soviel Glück und Ehren in Paris gelangen konnte.
Doch fand man Saïdjah undankbar, als er nach beinahe dreijährigem Dienst seine Entlassung begehrte und um ein Zeugnis ersuchte, dass er sich gut betragen habe. Man konnte es ihm jedoch nicht verweigern, und Saïdjah ging fröhlichen Herzens auf die Reise.
Er ging an Pising vorbei, wo lange vorher einst Havelaar wohnte. Aber dies wusste Saïdjah nicht. Und hätte er es auch gewusst, er trug etwas ganz anderes in der Seele, das ihn beschäftigt hielt. Er zählte die Schätze, die er mit heimbrachte. In einer Bambusrolle hatte er seinen Pass und das Zeugnis seines guten Betragens. In einem Köcher, den er an einem ledernen Riemen trug, schien unaufhörlich etwas Gewichtiges gegen seine Schulter zu schlagen, aber er fühlte es gern ... ich glaube es schon, darin waren doch dreissig Spanische Dollars, genug also, um drei Büffel zu kaufen. Was Adinda wohl sagen würde! Und das war noch nicht alles. Auf seinem Rücken sah man die mit Silber beschlagene Scheide eines Dolches, den er am Gürtel trug. Der Griff war sicher aus feingeschnitztem Kamuning-Holz, denn er hatte ihn sorgfältig mit einer seidenen Hülle umwickelt. Und er besass noch mehr Schätze. In den Falten des Kahin um seine Lenden bewahrte er einen Leibgurt von silbernen Gliedern, mit goldener Agraffe. Es ist wahr, der Gürtel war nur kurz, aber sie war auch so schlank ... Adinda!
Und an einem Schnürchen um den Hals, unter seinem Vor-Baadju, trug er ein seidenes Beutelchen, darin einige vertrocknete Melatti waren.
War es ein Wunder, dass er sich in Tangerang nicht länger aufhielt als nötig war, den Bekannten seines Vaters zu besuchen, der die feinen Strohhüte flocht? War es ein Wunder, dass er nicht viel zu den Mädchen sagte, die ihn auf dem Wege fragten: »wohin, woher?«, wie der Gruss in diesen Gegenden lautet? Dass er Serang nicht mehr so schön fand, da er doch Batavia kennen gelernt hatte? Dass er sich nicht mehr, wie er es vor drei Jahren that, ins Gestrüpp verkroch, als der Resident vorüberritt, er, der den viel grösseren Herrn gesehen hatte, der zu Buitenzorg wohnt und der ‚Grossvater‘ des Susuhunan zu Solo ist? War es ein Wunder, dass er wenig acht gab auf die Erzählungen derer, die ein Stück Weges mit ihm gingen und von allem Neuen in Bantan-Kidul sprachen? Dass er kaum hinhörte, als man ihm berichtete, dass die Kaffeekultur nach vielen unbelohnten Mühen nun ganz eingezogen sei? Dass das Distriktshaupt von Parang-Kudjang wegen Raubes auf öffentlicher Strasse zu vierzehn Tagen Arrest, im Hause seines Schwiegervaters abzusitzen, verurteilt war? Dass der Hauptplatz nach Rangkas-Betung verlegt war? Dass ein neuer Assistent-Resident gekommen sei, weil der vorige vor einigen Monaten starb? Wie der neue Beamte auf der ersten Sebah-Versammlung gesprochen hatte? Wie da seit einiger Zeit niemand mehr wegen seiner Klagen bestraft worden sei und dass man hoffe, dass alles Gestohlene wiedergegeben oder vergütet werde?
Nein, er hatte schönere Bilder vor dem Auge seiner Seele. Er suchte den Ketapanbaum in den Wolken, zu fern noch, um ihn in Badur suchen zu können. Er griff in die Luft, die ihn umgab, als wollte er die Gestalt umfassen, die ihn unter dem Baume erwarten würde. Er malte sich Adindas Antlitz aus, ihren Kopf, ihre Schultern ... er sah den schweren Kondeh, so glänzend schwarz, in der eigenen Schlinge gefangen auf den Nacken herabhängend ... er sah ihr grosses Auge, in dunklem Wiederschein leuchtend ... die Nasenflügel, die sie so trotzig-stolz aufzog als Kind, wenn er—wie war’s möglich!—sie plagte, und den Winkel zwischen ihren Lippen, in dem sie ein Lächeln bewahrte. Er sah ihre Brust, die nun schwellen werde unter der Kabaai ... er sah, wie der Sarong, den sie selbst gewoben hatte, ihre Hüften eng umschloss und, dem Schenkel in gebogener Linie folgend, in herrlichem Wurf am Knie herunterfiel bis auf den kleinen Fuss ...
Nein, er hörte wenig von dem, was man ihm sagte. Er hörte ganz andere Töne. Er hörte, wie Adinda sagen würde: »Sei willkommen, Saïdjah! Ich habe an dich gedacht beim Spinnen und Weben und beim Stampfen des Reises in dem Block, der drei-mal-zwölf Kerben trägt von meiner Hand. Hier bin ich unter dem Ketapan, am ersten Tage des neuen Monds. Sei willkommen, Saïdjah: ich will deine Frau sein!«
Das war die Musik, die so herrlich in seinen Ohren wiederklang und die ihn hinderte, auf all das Neue zu hören, das man ihm auf seinem Wege erzählte.
Endlich sah er den Ketapan. Oder vielmehr, er sah einen dunklen Fleck, der viele Sterne vor seinem Auge verdeckte. Das musste der Djatiwald sein, in der Nähe des Baumes, bei dem er Adinda wiedersehen sollte, am folgenden Tage nach Sonnenaufgang. Er suchte im Dunkel umher und betastete viele Stämme. Alsbald fand er eine ihm bekannte Unebenheit an der Südseite eines Baumes, und er legte den Finger in einen Spalt, den Si-panteh mit seinem Parang hineingehackt hatte, um den Pontianak zu beschwören, der das Zahnweh von Si-pantehs Mutter verschuldete, das diese kurz vor der Geburt seines Brüderchens befiel. Das war der Ketapan, den er suchte.
Jawohl, das war der Fleck, wo er zuerst Adinda anders angesehen hatte als seine übrigen Spielgenossen, weil sie sich da zuerst geweigert hatte, an einem Spiel teilzunehmen, das sie doch noch kurz zuvor mit allen Kindern—Knaben und Mädchen—mitgespielt hatte. Da hatte sie ihm die Melatti gegeben.