Er setzte sich an den Fuss des Baumes nieder und schaute zu den Sternen auf. Als einer herniederschoss, nahm er das als einen Gruss bei seiner Wiederkunft zu Badur auf. Und er dachte: ob Adinda nun wohl schläft? Und ob sie wohl sorgfältig die Monde in ihren Reisblock geschnitten hat? Es würde ihn schmerzen, wenn sie einen Mond überschlagen hätte; als wenn das nicht genügte ... sechsunddreissig! Und ob sie schöne Sarongs und Slendangs gebatikt haben werde? Und auch fragte er sich, wer nun wohl in seines Vaters Hause wohnen werde? Und seine Jugend trat ihm vor den Geist, und seine Mutter, und wie der Büffel ihn vor dem Tiger rettete; und er bedachte, was doch wohl aus Adinda geworden sein möchte, wenn der Büffel minder treu gewesen wäre.

Er gab sehr auf das Sinken der Sterne im Westen acht, und bei jedem Stern, der am Himmelsrande verschwand, berechnete er, wieviel näher jetzt die Sonne ihrem Aufgang im Osten sei, und wieviel näher er selbst dem Wiedersehen mit Adinda.

Denn beim ersten Strahle gewiss werde sie kommen, ja, beim Dämmern des Morgens schon werde sie da sein ... ach, warum war sie nicht schon am Tage vorher gekommen?

Es betrübte ihn, dass sie ihm nicht vorausgeeilt war, dem schönen Augenblick, der drei Jahre lang seiner Seele mit unbeschreiblichem Glanz vorgeleuchtet hatte. Und, unbillig in der Selbstsucht seiner Liebe, schien es ihm so, als hätte Adinda da sein müssen, um auf ihn zu warten, der nun sich beklagte—und vor der Zeit schon!—dass er auf sie warten müsste.

Aber er beklagte sich zu Unrecht. Denn noch war nicht die Sonne aufgegangen, noch hatte das Auge des Tages keinen Blick auf die Ebene geworfen. Wohl verblichen die Sterne dort oben in der Höhe, beschämt, dass ihrer Herrschaft so bald ein Ende gemacht werde ... wohl fluteten da seltsame Farben über die Spitzen der Berge, die um so dunkler erschienen, je schärfer sie von dem lichteren Grunde sich abhoben ... wohl flog hier und da durch die Wolken im Osten ein glühender Strahl—Pfeile von Gold und Feuer, die hin und wieder über den Horizont schossen—aber sie verschwanden wieder und schienen hinter den undurchdringbaren Vorhang niederzufallen, der dem Auge Saïdjahs noch immer den Tag verbarg.

Doch wurde es allmählich lichter und lichter um ihn her. Er schaute schon die Landschaft, und schon konnte er die Kronen des kleinen Klappahains unterscheiden, in dem Badur versteckt lag ... da schlief Adinda!

Nein, sie schlief nicht mehr! Wie sollte sie wohl schlafen können? Wusste sie nicht, dass Saïdjah ihrer warte? Gewiss, sie hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Sicher hatte die Dorfwache an ihre Thür geklopft, um zu fragen, warum die Pelitah in ihrem Häuschen noch fortbrenne, und mit liebem Lächeln hatte sie dann gesagt, dass ein Gelübde sie wach halte; sie müsse den Slendang noch abweben, an dem sie arbeite, und am ersten Tage des neuen Mondes müsse er fertig sein.

Oder sie hatte die Nacht im Finstern verbracht, auf ihrem Reisblock sitzend und mit begierigem Finger zählend, ob auch wirklich sechsunddreissig tiefe Kerben nebeneinander darin eingeschnitzt waren. Und sie hatte sich spielend an dem Schrecken ergötzt, dass sie sich vielleicht verrechnete, dass vielleicht noch ein Einschnitt fehle, um noch und noch einmal und immer wieder in der herrlichen Gewissheit zu schwelgen, dass da wohlgezählte drei-mal-zwölf Monde vergangen seien, seit Saïdjah sie zum letztenmal sah.

Auch sie strengte nun wohl, wo es so hell wurde, ihre Augen mit fruchtlosem Bemühen an, die Blicke über den Horizont hinweg zu senken, dass sie der Sonne begegnen möchten, der trägen Sonne, die wegblieb ... wegblieb ...

Da kam ein Streif bläulichen Rots herauf, der sich an die Wolken klammerte, und die Ränder wurden licht und glühend, und es begann zu blitzen, und wieder schossen da feurige Pfeile durch den Luftraum, doch sie fielen diesmal nicht nieder, sie hefteten sich an den dunklen Grund fest und teilten ihre Glut in grösseren und grösseren Kreisen mit, und begegneten einander, kreuzten, verschlangen, wendeten sich und vereinigten sich zu Strahlenbündeln, und wetterleuchteten in goldenem Glanz auf einem Grunde von Perlmutter, und es war da Rot und Gelb und Blau und Silbern und Purpurn und Azurn in diesem allen ... o Gott, das war die Morgenröte: das war das Wiedersehen mit Adinda!