Voreilig! Als wenn ein ehrlicher Mensch schlafen könnte und leben und geniessen, solange die, über deren Wohlergehen zu wachen er berufen ist, sie, die im höchsten Sinne seine ‚Nächsten‘ sind, vergewaltigt werden und ausgesogen!
Es ist wahr, ich bin hier erst kurze Zeit, doch ich hoffe, dass die Frage einmal sein wird: was man gethan hat, ob man es gut gethan hat, und nicht, ob man es in zu kurzer Zeit gethan hat. Für mich ist jede Spanne Zeit zu lang, die gekennzeichnet ist durch Erpressung und Unterdrückung, und schwer wiegt mir die Sekunde, die durch meine Nachlässigkeit, durch meine Pflichtversäumnis, durch meinen ‚Geist des ‚Schipperns‘‘ in Elend verbracht wäre.
Mich quälen die Tage, die ich verstreichen liess, ehe ich Ihnen offiziell Rapport erstattete, und ich bitte um Vergebung wegen dieses Versäumnisses.
Ich nehme mir die Freiheit, Sie zu ersuchen, dass Sie mir die Gelegenheit geben, mein Schreiben von gestern zu rechtfertigen und mich zu sichern vor dem Missglücken meiner Versuche, die Abteilung Lebak von dem Wurm zu befreien, der seit Menschengedenken an ihrem Wohlergehen nagt.
Hier liegt die Ursache, dass ich aufs neue so frei bin, Sie zu ersuchen, meine Handlungen diesangehend—die ja wahrlich ganz nach Vorschrift der Instruktion allein bestehen in Untersuchung, Rapport und Vorschlag—gütigst gutheissen zu wollen, den Regenten von Lebak, ohne voraufgehende direkte oder indirekte Warnung, von hier zu entfernen, und darauf eine Untersuchung bezüglich dessen einzuleiten, was ich in meinem Schreiben von gestern, No. 88, mitteilte.
Der Assistent-Resident von Lebak,
Max Havelaar.«
Diese Bitte, die Schuldigen nicht in Schutz zu nehmen, empfing der Resident unterwegs. Eine Stunde nach seiner Ankunft stattete er dem Regenten einen kurzen Besuch ab und fragte bei dieser Gelegenheit: was er gegen den Assistent-Residenten vorbringen könne? und dann: ob er, der Adhipatti, Geld nötig habe? Auf die erste Frage antwortete der Regent: »Nichts, das kann ich beschwören!« Auf die zweite antwortete er zustimmend, worauf der Resident ihm ein paar Banknoten gab, die er—für den vorkommenden Fall mitgebracht!—aus seiner Westentasche zog. Man wird verstehen, dass dies gänzlich ohne Wissen Havelaars vor sich ging, und bald werden wir erfahren, wie diese schändliche Handlungsweise ihm bekannt wurde.
Als der Resident Slymering bei Havelaar abstieg, war er bleicher als gewöhnlich, und seine Worte standen weiter voneinander denn je. Es war denn auch keine geringe Sache für jemanden, der sich so auszeichnete durch ’Schippern’ und jährliche Ruheberichte, so plötzlich Briefe zu empfangen, worin sich weder eine Spur fand vom gebräuchlichen offiziellen Optimismus, noch von künstlicher Verdrehung der Sache, noch von einiger Furcht vor der Unzufriedenheit der Regierung über die »Belästigung« mit ungünstigen Berichten. Der Resident von Bantam war erschrocken, und wenn man mir das unedle Bild um seiner Korrektheit willen verzeihen will, habe ich Lust, ihn mit einem Gassenjungen zu vergleichen, der sich über Verletzung urgrossväterlicher Gewohnheiten beklagt, weil ein excentrischer Kamerad ihn ohne voraufgehende Schimpfworte geschlagen hat.
Er begann damit, den Kontrolleur zu fragen, warum er nicht versucht habe, Havelaar von seiner Anklage zurückzuhalten. Der arme Verbrugge, dem die ganze Anklage unbekannt war, gab dies an, fand aber keinen Glauben. Der Herr Slymering konnte das Eine nicht begreifen, wie jemand ganz allein, auf eigene Verantwortung und ohne in die Länge gezogene Erwägungen oder ‚Rücksprachen‘ zu so unerhörter Pflichterfüllung hatte übergehen können. Da gleichwohl Verbrugge—vollkommen wahrheitsgemäss—dabei blieb, dass er keine Wissenschaft von den Briefen besitze, die Havelaar geschrieben hatte, so musste der Resident nach vielen Ausrufen voll ungläubiger Verwunderung endlich sich darein finden, und er ging—ich weiss nicht, warum—dazu über, diese Briefe zu verlesen.