Und das war noch nicht alles! Ich fand, um von den Versen nicht zu sprechen—es waren deren in vielerlei Sprachen—eine Anzahl von Stücken, denen der Titel fehlte, Romanzen in malayischer Sprache, Kriegsgesänge in Javanisch, und was nicht noch alles! Auch Briefe fand ich, wovon viele in Sprachen, die ich nicht verstand. Einige waren an ihn geschrieben, oder besser, es waren nur Abschriften, doch er schien damit einen bestimmten Zweck zu verbinden, denn es war alles von anderen Personen gezeichnet als: »gleichlautend mit dem Original«. Dann fand ich noch Auszüge aus Tagebüchern, Aufzeichnungen und lose Gedanken—einzelne wirklich sehr lose.

Ich hatte, wie ich bereits sagte, einige Stücke auf die Seite gelegt, weil sie mir in mein Fach zu schlagen schienen, und für mein Fach lebe ich. Doch ich muss zugeben, dass ich wegen des übrigen in Verlegenheit war. Zurücksenden konnte ich das Paket nicht, denn ich wusste nicht, wo er wohnte. Es war nun einmal offen. Ich konnte nicht leugnen, dass ich Einblick genommen hatte, und das würde ich auch nicht gethan haben, da es mir immer sehr um die Wahrheit zu thun ist. Auch glückte es mir nicht, es wieder so zu schliessen, dass von dem Öffnen nichts zu sehen war. Überdies kann ich nicht verhehlen, dass einige Stücke, die über Kaffee nämlich, mir Interesse einflössten, und dass ich gern davon Gebrauch gemacht hätte. Ich las täglich hier und da einige Seiten, und ich kam je länger je mehr zu der Überzeugung, dass man Makler in Kaffee sein muss, um so recht zu erfahren, was in der Welt vorgeht. Ich bin überzeugt, dass die Rosemeyers, die in Zucker machen, niemals so etwas unter die Augen bekommen haben.

Ich fürchtete nun, dass dieser Shawlmann plötzlich wieder vor mir stehen würde und mir wieder etwas zu sagen haben möchte. Jetzt fing es mich an zu verdriessen, dass ich an jenem Abend in den Kapelsteg eingebogen war, und ich sah ein, dass man niemals den anständigen Weg verlassen muss. Natürlich hätte er mich um Geld gefragt und hätte von seinem Paket gesprochen. Ich hätte ihm vielleicht etwas gegeben, und wenn er mir dann am folgenden Tag die Masse Schreiberei zugeschickt hätte, so wäre es mein rechtliches Eigentum gewesen. Ich hätte dann den Weizen von der Spreu scheiden können, ich hätte die Nummern zurückbehalten, die ich für mein Buch nötig hatte, und den Rest verbrannt oder in den Papierkorb geworfen, was ich nun nicht thun kann. Denn wenn er zurückkäme, müsste ich es abliefern, und wenn er sähe, dass ich an ein paar Stücken von seiner Hand Interesse zeigte, würde er sicher zu viel dafür fordern. Nichts giebt dem Verkäufer mehr Übergewicht, als die Entdeckung, dass dem Käufer an seiner Ware gelegen ist. So eine Position wird denn auch von einem Kaufmann, der sein Fach versteht, so viel wie möglich vermieden.

Ein anderer Gedanke—ich sprach schon davon—der beweisen möge, wie empfänglich für menschenfreundliche Anwandlungen einen das Besuchen der Börse lassen kann, war dieser: Bastians—das ist der dritte Schreiber, der so alt und stümperig wird—war die letzte Zeit von den dreissig Tagen sicher keine fünfundzwanzig auf dem Kontor gewesen, und wenn er ins Kontor kommt, macht er seine Arbeit oft noch schlecht. Als ehrlicher Mann bin ich der Firma gegenüber—Last & Co., seit die Meyers raus sind—verpflichtet, dafür zu sorgen, dass jeder seine Arbeit thut, und ich darf nicht aus verkehrt angewendetem Mitleid oder aus Überempfindlichkeit das Geld der Firma wegwerfen. So ist mein Grundsatz. Ich gebe lieber dem Bastians aus meiner eigenen Tasche ein Dreiguldenstück, als dass ich fortfahre, ihm die siebenhundert Gulden auszuzahlen, die er nicht mehr verdient. Ich habe ausgerechnet, dass der Mann seit vierunddreissig Jahren an Einkommen—sowohl von Last & Co., wie von Last & Meyer, aber die Meyers sind raus—die Summe von beinah fünfzehntausend Gulden genossen hat, und das ist für einen Mann von seinem Stande ein anständiges Sümmchen. Es giebt wenige unter den kleinen Bürgersleuten, die so viel besitzen. Recht zu klagen hat er also nicht. Ich bin auf diese Berechnung gekommen durch Shawlmanns Stück über die Multiplikation.

Dieser Shawlmann schreibt eine gute Hand, dachte ich. Überdies, er sah ärmlich aus und wusste nicht, wie spät es war ... wie wär’s, dachte ich, wenn ich ihm die Stelle von Bastians gäbe? In diesem Falle würde ich ihm sagen, dass er mich »M’nheer« nennen müsse, aber er würde wohl selbst schon dahinterkommen, denn es geht doch nicht, dass ein Angestellter seinen Prinzipal bei Namen anredet, und ihm wäre vielleicht fürs Leben geholfen. Er könnte mit vier- oder fünfhundert Gulden anfangen—unser Bastians hat auch lange gearbeitet, bis er zu siebenhundert aufstieg—und ich hätte eine gute That gethan. Ja, mit dreihundert Gulden würde er wohl beginnen können, denn da er niemals vorher in einem Geschäft Stellung hatte, kann er wohl die ersten Jahre als Lehrzeit betrachten, was nur billig wäre, denn er kann sich nicht in einen Rang stellen mit Menschen, die viel gearbeitet haben. Ich bin überzeugt, dass er mit zweihundert Gulden zufrieden sein würde. Aber ich hatte noch keine Garantien wegen seines Betragens ... er hatte einen Shawl um. Und zudem, ich wusste nicht, wo er wohnte.

Ein paar Tage darauf waren der junge Stern und Fritz zusammen im »Wappen von Bern« auf einer Bücherauktion gewesen. Fritz hatte ich verboten, etwas zu kaufen, doch Stern, der reichlich Taschengeld hat, kam mit einigen Schmökern nach Haus. Das ist seine Sache. Doch sieh, da erzählte Fritz, dass er Shawlmann gesehen hätte, der bei dem Verschleiss angestellt schien. Er hätte die Bücher aus den Schränken genommen und sie auf dem langen Tisch dem Auktionator zugeschoben. Fritz sagte, dass er sehr bleich aussah, und dass ein Herr, der da die Aufsicht zu haben schien, ihn ausgezankt hätte, weil er ein paar Jahrgänge von der »Aglaja« hatte fallen lassen, was ich denn auch sehr ungeschickt finde, denn das ist eine allerliebste Sammlung von Damenhandarbeiten. Marie hält sie zusammen mit den Rosemeyers, die in Zucker machen. Sie macht Knüpfarbeit daraus ... aus der »Aglaja«, meine ich. Aber unter dem Zanken hatte Fritz gehört, dass er fünfzehn Stüber den Tag verdiente. »Denken Sie, dass ich Lust habe, fünfzehn Stüber täglich für Sie aus’m Fenster zu schmeissen?« hatte der Herr gesagt. Ich rechnete aus, dass fünfzehn Stüber täglich—ich denke, dass die Sonn- und Festtage nicht mitzählen, sonst hätte er ein Monats- oder Jahresgehalt genannt—zweihundertfünfundzwanzig Gulden im Jahr ausmachen. Ich bin schnell in meinen Entschlüssen—wenn man so lange Geschäftsmann ist, weiss man immer sofort, was man zu thun hat—und am andern Morgen früh war ich bei Gaafzuiger. So heisst der Buchhändler, der die Auktion veranstaltet hatte. Ich fragte nach dem Mann, der die »Aglaja« hätte fallen lassen.

—Der hat seinen Laufpass, sagte Gaafzuiger. Er war faul, dünkelhaft und kränklich.

Ich kaufte ein Schächtelchen Oblaten und beschloss sogleich, es mit unserm Bastians noch mal anzusehen. Ich konnte es nicht übers Herz bringen, einen alten Mann so auf die Strasse zu setzen. Strenge, doch, wo es sein kann, milde und gütig, das ist immer mein Grundsatz gewesen. Ich versäume aber niemals, mich über etwas zu unterrichten, was dem Geschäfte zugute kommen kann, und darum fragte ich Gaafzuiger, wo der Shawlmann wohnte. Er gab mir die Adresse, und ich schrieb sie auf.

Ich dachte andauernd über mein Buch nach, doch da ich auf Wahrheit sehe, muss ich geradeaus sagen, dass ich nicht wusste, was ich da anzufangen hatte. Ein Ding steht fest: die Baustoffe, die ich in Shawlmanns Paket gefunden hatte, hatten grosses Interesse für die Makler in Kaffee. Die Frage war nur, wie ich handeln musste, um diese Baustoffe gehörig auszuwählen und aneinanderzureihen. Jeder Makler weiss, von welchem Gewicht eine gute Sortierung der einzelnen Ballen ist.

Doch schreiben—ausgenommen die Korrespondenz mit den Geschäftshäusern—liegt so gar nicht in meinem Beruf; und doch fühlte ich, dass ich schreiben müsste, denn vielleicht hängt die Zukunft der ganzen Branche davon ab. Die Angaben, die ich in dem Paket von Shawlmann fand, sind nicht von einer Art, dass Last & Co. den Nutzen davon für sich allein behalten könnten. Wenn dies so wäre, so würde ich mir nicht, das begreift jeder, die Mühe machen, ein Buch drucken zu lassen, das Busselinck & Waterman auch in die Hände kriegen, denn wer einem Konkurrenten auf die Beine hilft, kann seine fünf Sinne nicht haben. Das ist ein fester Grundsatz bei mir. Nein, ich sah ein, dass eine Gefahr droht, dass der ganze Kaffeemarkt zu Grunde gehen würde, eine Gefahr, welche nur durch die vereinten Kräfte aller Makler abgewehrt werden kann; ja, es ist möglich, dass diese Kräfte dazu nicht einmal ausreichend sind und dass auch die Zuckerraffinadeure—Fritz sagt: »raffineure«, aber ich schreibe »nadeure«; das thun die Rosemeyers auch, und die machen in Zucker. Ich weiss wohl, dass man sagt: raffinierter Schelm und nicht: raffinadierter Schelm, aber das kommt daher, dass jeder, der mit Schelmen zu thun hat, sich so schnell wie möglich von der Sache drückt—dass dann auch die Raffinadeure und die Händler in Indigo dabei nötig sein werden.