Wie ich so über dem Schreiben nachdenke, kommt es mir vor, dass selbst die Schiffsreedereien einigermassen dabei interessiert sind, und die Kauffahrteiflotte ... gewiss, so ist es! Und die Segelmacher auch, und der Finanzminister, und die Armenbehörden, und die andern Minister, und die Zuckerbäcker, und die Galanteriewarenhändler, und die Frauen, und die Schiffsbaumeister, und die Grossisten, und die Detailhändler, und die Hauswärter, und die Gärtner.
Und—merkwürdig doch, wie einem die Gedanken so unterm Schreiben aufkommen—mein Buch geht auch die Müller an, und die Pastoren, und die Verkäufer von Schweizerpillen, und die Liqueurfabrikanten, und die Ziegelbrenner, und die Menschen, die von der Staatsschuld leben, und die Pumpenmacher, und die Reepschläger, und die Weber, und die Schlächter, und die Schreiber auf den Maklerkontoren, und die Aktionäre von der »Niederländischen Handelsgesellschaft«, und eigentlich, recht betrachtet, alle andern auch.
Und den König auch ... ja, den König vor allem!
Mein Buch muss in die Welt. Dagegen ist nichts zu machen! Lass es auch meinetwegen Busselinck & Waterman in die Finger kriegen ... Abgunst ist meine Sache nicht. Aber Pfuscher und hinterlistige Hallunken sind sie, das sage ich! Ich habe es heute noch dem jungen Stern gesagt, als ich ihn in »Artis«, unsere zoologische Garten-Gesellschaft, introduzierte. Er mag es ruhig seinem Vater schreiben.
So sass ich denn noch vor ein paar Tagen arg im Dustern mit meinem Buch, und sieh doch, Fritz hat mir auf den Weg geholfen. Ihm selbst habe ich dies nicht gesagt, weil ich es nicht gut finde, jemanden merken zu lassen, dass man ihm verpflichtet ist—dies ist ein Grundsatz bei mir—aber wahr ist es. Er sagte, dass Stern so ein tüchtiger Junge wäre, dass er so schnell Fortschritte in der Sprache mache und dass er deutsche Verse von Shawlmann ins Holländische übersetzt hätte. Ihr seht, die Welt war auf den Kopf gestellt in meinem Hause: der Holländer hatte in deutscher Sprache geschrieben, und der Deutsche übersetzte das ins Holländische. Wenn jeder sich an seine eigene Sprache gehalten hätte, wäre Mühe gespart worden. Aber, dachte ich, wenn ich mein Buch von diesem Stern schreiben liesse? Wenn ich was hinzuzufügen habe, schreibe ich selbst von Zeit zu Zeit ein Kapitel. Fritz kann auch helfen. Er hat eine Liste von Wörtern, die mit zwei e’s geschrieben werden, und Marie kann alles ins Reine schreiben. Dies ist gleichzeitig für den Leser eine Garantie gegen alle Unsittlichkeit. Denn das begreift ihr wohl, dass ein anständiger Makler seiner Tochter nichts in die Hände geben wird, was sich nicht mit Sitte und Anstand verträgt!
Ich habe dann zu den Jungen über meinen Plan gesprochen, und sie fanden ihn gut. Nur schien Stern, bei dem man—wie bei vielen Deutschen—einen Stich ins Litterarische wahrnehmen kann, Stimme haben zu wollen in Bezug auf die Art der Ausführung. Dies gefiel mir nun zwar nicht sehr, doch weil die Frühjahrsauktion vor der Thür steht und ich von Ludwig Stern noch keine Ordres habe, wollte ich ihm nicht zu stark widersprechen. Er sagte, dass: »wenn die Brust ihm erglühte vom Gefühl für das Wahre und Schöne, keine Macht der Welt ihn hindern könne, die Töne anzuschlagen, die mit diesem Gefühl übereinstimmten, und dass er viel lieber schwiege, als seine Worte von den entehrenden Fesseln der Alltäglichkeit gebändigt zu sehen.«—Ich fand dies nun wohl recht närrisch von Stern, aber mein Fach geht allem vor, und der Alte ist ein gutes Haus. Wir setzten also fest:
- 1. Dass er alle Woche ein paar Kapitel für mein Buch liefern solle.
- 2. Dass ich an dem, was er schreibe, nichts verändern dürfe.
- 3. Dass Fritz die Sprachfehler verbessern solle.
- 4. Dass ich dann und wann ein Kapitel schreiben solle, um dem Buch einen soliden Anstrich zu geben.
- 5. Dass der Titel sein solle: »Die Kaffeeauktionen der Niederländischen Handelsgesellschaft.«
- 6. Dass Marie die Reinschrift für den Druck machen solle, dass man aber Geduld mit ihr haben würde, wenn grosse Wäsche wäre.
- 7. Dass die fertigen Kapitel jede Woche auf dem Kränzchen vorgelesen werden sollten.
- 8. Dass alle Unsittlichkeit vermieden werden solle.
- 9. Dass mein Name nicht auf dem Titel stehen solle, denn ich bin Makler.
- 10. Dass Stern eine deutsche, eine französische und eine englische Übersetzung meines Buches herausgeben könne, weil—so behauptete er—solche Werke besser im Auslande verstanden würden als bei uns.
- 11. (Darauf drang Stern sehr stark:) Dass ich Shawlmann ein Ries Papier, ein Gross Federn und eine Kruke Tinte schicken sollte.
Ich erklärte mich mit allem einverstanden, denn es hatte grosse Eile mit meinem Buch. Stern hatte am folgenden Tag sein erstes Kapitel fertig, und so siehst du nun die Frage beantwortet, Leser, wie es kommt, dass ein Makler in Kaffee—Last & Co., Lauriergracht 37—ein Buch schreibt, das mit einem Roman Ähnlichkeit hat.
Kaum hatte Stern mit seiner Arbeit begonnen, und er stiess auf Schwierigkeiten. Ausser der Mühe, aus so viel Baustoffen das Nötige herauszusuchen und alles aneinanderzureihen, kamen noch fortwährend in den Manuskripten Wörter und Ausdrücke vor, die er nicht verstand und die auch mir fremd waren. Es war meistens javanisch oder malayisch. Auch waren hier und da Abkürzungen angebracht, die schwer zu entziffern waren. Ich sah ein, dass wir Shawlmann nötig hatten, und da ich es für einen jungen Menschen nicht gut finde, dass er unrechte Konnexionen anknüpft, wollte ich weder Fritz noch Stern zu ihm senden. Ich nahm einige Konfektstücke mit, die vom letzten Abendkränzchen übrig geblieben waren—denn ich denke stets an alles—und ich suchte ihn auf. Glänzend war seine Behausung nicht, doch die Gleichheit für alle Menschen, also auch was die Wohnungen angeht, ist ein Hirngespinst. Er selbst hatte das gesagt in seiner Abhandlung über die Ansprüche auf Glück. Überdies, ich halte nichts von Menschen, die ewig unzufrieden sind.
Seine Wohnung befand sich in der Langen-Leydener-Querstrasse, nach hinten liegend. Im Unterhause wohnte ein Trödler, der alle möglichen Dinge verkaufte, Tassen, Schüsseln, Möbel, alte Bücher, Glaswaren, Bildnisse von Van Speyk und dergleichen mehr. Ich hatte Angst, dass ich was zerbräche, denn in solchem Fall fordern die Menschen immer mehr Geld für die Sachen, als sie wert sind. Ein kleines Mädchen sass auf der Schwelle und kleidete ihre Puppe an. Ich fragte, ob M’nheer Shawlmann dort wohnte. Sie lief weg, und die Mutter kam.