—Ja, der wohnt hier, M’nheer. Gehn Sie nur die Treppe rauf nach ’n ersten Flur und dann die Treppe nach ’n zweiten Flur und dann noch ’ne Treppe und dann sind Sie da, denn Sie kommen ganz von selbst hin. Minchen, sag’ doch mal eben Bescheid, dass ’n Herr da ist. Was kann sie sagen, wer da ist, M’nheer?
Ich sagte, dass ich M’nheer Droogstoppel sei, Makler in Kaffee, von der Lauriergracht, doch dass ich mich wohl gleich selbst vorstellen würde. Ich kletterte so hoch, wie mir gesagt war, und hörte auf dem dritten Flur eine Kinderstimme singen: »Gleich kommt Vater, mein süsser Papa«. Ich klopfte, und die Thür wurde von einer Frau geöffnet, oder einer Dame—ich weiss selbst nicht recht, was ich aus ihr machen soll. Sie sah sehr bleich aus. Ihre Züge trugen Spuren von Müdigkeit und liessen mich an meine Frau denken, wenn sie die Wäsche hinter sich hat. Sie war gekleidet in ein langes weisses Hemd, oder in eine Jacke ohne Taille, die ihr bis an die Knie hing und an der Vorderseite mit einer schwarzen Nadel befestigt war. An Stelle eines Kleides oder Rocks, wie es sich gehört, trug sie darunter ein Stück dunkel geblümter Leinwand, das einige Male um den Leib gewickelt schien und ihre Hüften und Kniee ziemlich eng umschloss. Keine Spur von Falten, von genügender Weite oder Umfang, wie sich das doch für eine Frau ziemt. Ich war froh, dass ich Fritz nicht geschickt hatte, denn ihre Kleidung kam mir sehr unschicklich vor, und der sonderbare Eindruck wurde noch verstärkt durch die Ungeniertheit, mit der sie sich bewegte, als fühlte sie sich ganz wohl so. Das Weib schien keineswegs zu wissen, dass sie nicht aussah wie andere Frauen. Auch kam es mir so vor, als wenn mein Kommen sie keineswegs verlegen machte. Sie versteckte nichts unterm Tisch, rückte nicht mit den Stühlen und that nichts, was man doch sonst zu thun pflegt, wenn ein Fremder von nobler Erscheinung kommt.
Sie hatte die Haare hintenüber gekämmt wie eine Chinesin und sie hinten auf dem Kopf zu einer Art Schlinge oder Knoten zusammengebunden. Später habe ich vernommen, dass ihre Kleidung eine Art indischer Tracht ist, die sie dazulande »Sarong« und »Kabaai« nennen, aber ich fand es doch sehr hässlich.
—Sind Sie Frau Shawlmann? fragte ich.
—Wen habe ich die Ehre zu sprechen? sagte sie, und zwar in einem Ton, der mir anzudeuten schien, dass auch ich etwas mehr »Ehre« in meine Frage hätte legen dürfen.
Nun, Komplimente sind nicht meine Sache. Mit einem Geschäftskunden ist das was anderes, und ich bin zu lange geschäftlich thätig, um meine Welt nicht zu kennen. Aber viel Bücklinge zu machen auf einer dritten Etage, das hielt ich nicht für nötig. Ich sagte also kurz, dass ich M’nheer Droogstoppel wäre, Makler in Kaffee, Lauriergracht 37, und dass ich ihren Mann sprechen wollte. Was brauchte ich denn da viel Umstände machen!
Sie bot mir einen Küchenstuhl an und nahm ein kleines Mädchen auf den Schoss, das auf dem Boden sass und spielte. Der kleine Junge, den ich hatte singen hören, sah mich stramm an und beguckte mich von oben bis unten. Der schien mir auch durchaus nicht verlegen! Es war ein Bengel von etwa sechs Jahren, auch schon so sonderbar gekleidet. Sein weites Höschen reichte knappernot bis zur Mitte des Schenkels, und die Beine waren von da ab bloss bis auf die Knöchel. Sehr unanständig finde ich das. »Kommst du, um Papa zu sprechen?« fragte er auf einmal, und mir wurde da sofort klar, dass die Erziehung von dem Jungen viel zu wünschen übrig liess, sonst hätte er »Kommen Sie« gesagt. Doch weil ich mich in meiner Situation nicht recht wohl fühlte und was reden wollte, antwortete ich:
—Ja, Kerlchen, ich komme, um deinen Papa zu sprechen. Wird er wohl bald kommen, denkst du?
—Das weiss ich nicht. Er ist aus und sucht Geld, um mir einen Tuschkasten zu kaufen.
—Still, meine Junge, sagte die Frau. Spiele mal mit deinen Bildern oder mit der chinesischen Spieldose.