Auffallend war es, dass sein Äusseres und selbst sein Empfinden so wenig Spuren von seinem vergangenen Leben trugen. Das Rühmen der Erfahrung ist ein lächerlicher Gemeinplatz geworden. Es giebt Leute, die fünfzig oder sechzig Jahre mittrieben in dem Strome, in dem sie zu schwimmen behaupten, und die von all dieser Zeit wenig anderes zu erzählen wüssten, als dass sie von der A-gracht nach der B-strasse verzogen waren. Nichts ist alltäglicher, als dass man auf seine Erfahrung pochen hört, und just vonseiten jener, die ihre grauen Haare so leichterweise erwarben. Andere wieder meinen ihre Ansprüche auf Erfahrung auf wirklich erlittene Schicksalswendungen gründen zu dürfen, ohne dass aber an irgend etwas es sich zeigte, dass sie durch diese Veränderungen in ihrem Seelenleben berührt wurden. Ich kann mir vorstellen, dass das Zugegensein bei wichtigen Geschehnissen, ja, selbst das unmittelbare Berührtwerden von denselben wenig oder keinen Einfluss hat auf eine grosse Gattung von Gemütern, die nicht zugerüstet sind mit der Empfänglichkeit, Eindrücke aufzufangen und zu verarbeiten. Wer daran zweifelt, frage sich doch, ob man Erfahrung all den Bewohnern Frankreichs zuzusprechen hat, die vierzig oder fünfzig Jahre alt waren im Jahre 1815? Und sie alle waren doch Menschen, die das so bedeutsame Drama, das 1789 begann, nicht allein hatten aufführen sehen, sondern sogar in mehr oder minder gewichtigen Rollen dieses Drama mitgespielt hatten.

Und umgekehrt, wie viele werden von einer ganzen Reihe von Empfindungen berührt, ohne dass die äusseren Umstände hierzu Veranlassung zu geben scheinen. Man denke an die Crusœ-Romane, an Silvio Pellicos Gefangenschaft, an das allerliebste »Picciola« von Saintine, an den Kampf in der Brust einer ‚alten Jungfer‘, die ihr ganzes Leben hindurch eine Liebe hegte, ohne je durch ein Wort zu verraten, was in ihrem Herzen umging, an die Empfindungen des Menschenfreundes, der, ohne äusserlich mit dem Lauf der Geschehnisse verknüpft zu sein, ein feuriges Interesse hat am Wohlsein von Mitbürger oder Mitmensch. Man stelle sich vor, wie er wechselnd hofft und fürchtet, wie er jede Veränderung beobachtet, sich begeistert für einen schönen Gedanken und glüht vor Entrüstung, wenn er ihn verdrängt und zertreten sieht von den vielen, die, für einen Augenblick wenigstens, stärker waren als jener schöne Gedanke. Man denke an den Philosophen, der von seiner Zelle aus das Volk zu lehren trachtet, was Wahrheit ist, wenn er bemerken muss, dass seine Stimme überschrieen wird von pietistischer Heuchelei oder von gewinnsüchtigen Quacksalbern. Man stelle sich Sokrates vor—nicht, da er den Giftbecher leert, denn ich meine hier die Erfahrung des Gemüts, und nicht diejenige, die unmittelbar durch äussere Umstände veranlasst wird—wie bitter betrübt seine Seele gewesen sein muss, dass er, der das Gute und Wahre suchte, sich »einen Verderber der Jugend und einen Verächter der Götter« nennen hörte.

Oder besser noch: man denke an Jesus, wie er so traurig auf Jerusalem hinschaut und darüber klagt, »dass es nicht gewollt habe«.

Solch ein Schmerzensschrei—vor Giftbecher oder Kreuzholz—löst sich nicht aus einem unverwundeten Herzen. Da muss gelitten sein, viel gelitten, da ist Erfahrung!

Diese Tirade ist mir entschnappt ... sie steht nun einmal da und sie bleibe. Havelaar hatte viel durchgemacht. Wollt ihr etwas, das den Umzug von der A-gracht aufwiegt? Er hatte Schiffbruch gelitten, mehr denn einmal. Er hatte Feuersbrunst, Aufruhr, Meuchelmord, Krieg, Duelle, Lebensglanz, Armut, Hunger, Cholera, Liebe und »Lieben« in seinem Tagebuch stehen. Er hatte viele Länder besucht und Umgang gehabt mit Leuten von allerlei Rasse und Stand, Sitten, Vorurteilen, Religionen und Gesichtsfarbe.

Was also die Lebensumstände angeht, konnte er viel erfahren haben. Und dass er wirklich viel erfahren hatte, dass er nicht durch das Leben gegangen war, ohne die Eindrücke aufzufangen, die es ihm so im Überfluss anbot, dafür möge uns die Beweglichkeit seines Geistes und die Empfänglichkeit seines Gemüts Bürge sein.

Nun erweckte es Verwunderung bei allen, die wussten oder vermuten konnten, wie viel er erlebt und erlitten hatte, dass hiervon so wenig auf seinem Gesicht zu lesen war. Wohl sprach aus seinen Zügen etwas wie Müdigkeit, doch das liess eher auf frühreife Jugend als auf nahendes Alter schliessen. Und nahendes Alter musste es dennoch wiederum sein, denn in Indien ist der Mann von fünfunddreissig Jahren nicht jung mehr.

Auch sein Empfinden, sagte ich, war jung geblieben. Er konnte wie ein Kind mit einem Kinde spielen, und mehrfach klagte er, dass ‚der kleine Max‘ noch zu jung sei, Drachen steigen zu lassen, denn er, ‚der grosse Max‘, hatte viel Vergnügen hieran. Mit Jungens übte er ‚Bockspringen‘, und er zeichnete sehr gern ein Muster für die Stickereiarbeit der Mädchen. Er nahm gar mehrfach diesen die Nadel aus der Hand und hatte seinen Spass an dieser Arbeit, obschon er öfters sagte, dass sie wohl etwas Besseres thun könnten als dies ‚maschinelle Stichezählen‘. Bei jungen Leuten von achtzehn Jahren war er ein junger Student, der gern sein ‚Patriam canimus‘ mitsang oder ‚Gaudeamus igitur‘ ... ja, ich bin mir dessen nicht ganz sicher, ob er nicht noch sehr kurze Zeit vorher, als er mit Urlaub zu Amsterdam war, ein Firmenschild abbrach, das ihm nicht behagte, weil ein Neger darauf gemalt war, der niedergekauert sass zu den Füssen eines Europäers mit einer langen Pfeife im Mund, und worunter natürlich zu lesen stand: ‚de rookende jonge koopman‘.

Die Babu, der er aus dem Wagen geholfen hatte, glich allen Babus in Indien, wenn sie alt sind. Wenn ihr diese Art von Dienstpersonal kennt, brauche ich euch nicht erst zu sagen, wie sie aussah. Und wenn ihr sie nicht kennt, kann ich es euch nicht sagen. Von anderen Kindermädchen in Indien unterschied sie nur, dass sie sehr wenig zu thun hatte. Denn Mevrouw Havelaar war ein Muster von Fürsorge für ihr Kind, und was es für den kleinen Max oder mit ihm zu thun gab, that sie selbst, zur grossen Verwunderung vieler anderer Damen, die es nicht gut fanden, dass man sich zur ‚Sklavin seiner Kinder‘ mache.

Siebentes Kapitel.