Nun brauchte er sie nicht zur Sparsamkeit anspornen. Sie war wahrlich nicht Schuld daran, dass Sparsamkeit nötig geworden war, doch sie war so in sein Ich verschmolzen, dass sie diese Anspornung nicht als einen Tadel auffasste, was sie auch nicht bedeuten sollte. Denn Havelaar wusste sehr gut, dass er allein gefehlt hatte durch seine zu weit getriebene Freigebigkeit, und dass ihr Fehler—wenn überhaupt ein Fehler auf ihrer Seite zu suchen war—allein darin gelegen hatte, dass sie aus Liebe zu Max alles gutgeheissen hatte, was er that.

Ja, sie hatte es gut gefunden, dass er die beiden armen Frauen aus der Nieuwstraat, die niemals Amsterdam verlassen hatten und niemals »aus gewesen« waren, auf dem Haarlemer Jahrmarkt herumführte, unter dem ergötzlichen Vorwande, dass der König ihn betraut habe mit »der Sorge für das Amusement von alten Frauen, die sich so gut betragen hätten«. Sie fand es gut, dass er die Waisenkinder aus allen Stiften Amsterdams auf Kuchen und Mandelmilch einlud und sie mit Spielzeug überschüttete. Sie begriff vollkommen, dass er die Logisrechnung der Familie von armen Sängern bezahlte, die nach ihrem Lande zurück wollten, doch nicht gern ihre Habe zurückliessen, wozu die Harfe gehörte und die Violine und der Bass, die sie so nötig brauchten für ihren elenden Betrieb. Sie konnte es nicht missbilligen, dass er das Mädchen zu ihr brachte, das abends auf der Strasse ihn angesprochen hatte ... dass er ihm zu essen gab, ihm Unterkunft bot und das allzu wohlfeile »gehe hin und sündige nicht mehr!« nicht aussprach, bevor er ihr dies »nicht sündigen« möglich gemacht hatte. Sie fand es sehr schön von ihrem Max, dass er das Klavier zurückbringen liess in die Wohnung des Familienvaters, den er hatte sagen hören, wie weh es ihm thue, dass die Mädchen »nach dem Bankerott« die Musik entbehren müssten. Sie begriff sehr gut, dass ihr Max die Sklavenfamilie zu Menado freikaufte, die so bitter betrübt war darüber, dass sie auf den Tisch des Auktionators steigen musste. Sie fand es natürlich, dass Max den Alfuren in der Minahassa, deren Pferde von den Offizieren der »Bayonnaise« totgeritten waren, dafür andere Pferde wiedergab. Sie hatte nichts dagegen, dass er zu Menado und auf Amboina die Schiffbrüchigen der ‚whalers‘, der Walfischfänger, in sein Haus rief und sie versorgte, und sich zu sehr Grandseigneur erachtete, als dass er der Amerikanischen Regierung eine Verpflegungsrechnung vorgelegt hätte. Sie begriff vollkommen, warum die Offiziere beinahe jedes angekommenen Kriegsschiffes grösstenteils bei Max logierten, und dass sein Haus ihnen ihr geliebtes Absteigequartier bedeutete.

War er nicht ihr Max? War es nicht wirklich klein, nichtig, war es nicht ungereimt, ihn, der so fürstlich dachte, binden zu wollen an die Vorschrift der Sparsamkeit und des Haushaltens, die für andere gilt? Und zudem, mochte denn bisweilen auch für einen Augenblick keine Übereinstimmung bestehen zwischen Einkünften und Ausgaben, war Max, ihr Max, nicht bestimmt für eine glänzende Laufbahn? Musste er nicht alsbald in Verhältnisse kommen, die ihn in stand setzen würden, ohne Überschreitung seiner Einkünfte seinen grossherzigen Neigungen freien Lauf zu lassen? Musste ihr Max nicht Generalgouverneur werden über das liebe Indien, oder ... ein König? Ja, war es nicht sonderbar, dass er nicht schon König war?

Wenn ein Fehler bei ihr gefunden werden konnte, dann war hier die Schuld, dass sie so sehr eingenommen war für Havelaar, und wenn je, dann galt hier das Wort: dass man viel vergeben müsse dem, der viel geliebt!

Doch man hatte ihr nichts zu verzeihen. Ohne nun die übertriebenen Vorstellungen zu teilen, die sie sich von ihrem Max bildete, ist es doch erlaubt, anzunehmen, dass er eine gute Laufbahn vor sich hatte, und wenn diese gegründete Aussicht sich verwirklicht hätte, wären in der That die unangenehmen Folgen seiner Freigebigkeit bald aus dem Wege zu räumen gewesen. Aber noch ein Grund von ganz anderer Art entschuldigte ihre und seine scheinbare Sorglosigkeit.

Sie hatte sehr jung ihre Eltern verloren und war bei Angehörigen von ihr aufgezogen. Als sie heiratete, teilte man ihr mit, dass sie ein kleines Vermögen besitze, und man zahlte es ihr auch aus; doch Havelaar entdeckte aus einzelnen Briefen früherer Zeit und aus einigen losen Aufzeichnungen, die sie in einer von ihrer Mutter ererbten Kassette aufbewahrte, dass ihre Familie sowohl von väterlicher wie mütterlicher Seite sehr reich gewesen war, ohne dass ihm gleichwohl deutlich werden wollte, wo, wodurch oder wann dieser Reichtum verloren gegangen war. Sie selbst, die sich nie um Geldsachen bekümmert hatte, wusste wenig oder nichts zu antworten, als Havelaar sich angelegen sein liess, bezüglich der früheren Besitzverhältnisse ihrer Verwandten einige Auskunft von ihr zu erlangen. Ihr Grossvater, der Baron van W., war mit Wilhelm V. nach England entwichen und im Heer des Herzogs von York Rittmeister gewesen. Er schien mit den entkommenen Gliedern der Statthalterfamilie ein lustiges Leben geführt zu haben, was denn auch von vielen als Ursache des Niederganges seiner günstigen Vermögensverhältnisse angegeben wurde. Später, bei Waterloo, fiel er bei einem Angriff unter den Husaren von Boreel. Rührend war es, die Briefe ihres Vaters zu lesen—damals eines Jünglings von achtzehn Jahren, der als Leutnant bei diesem Korps in demselben Angriff einen Säbelhieb über den Kopf bekam, an dessen Folgen er acht Jahre später im Irrsinn sterben sollte—Briefe an seine Mutter, in denen er ihr sein Weh klagte, wie er ergebnislos auf dem Schlachtfelde nach dem Leichnam seines Vaters gesucht hatte.

Was ihre Abkunft mütterlicherseits angeht, erinnerte sie sich, dass ihr Grossvater auf sehr ansehnlichem Fusse gelebt hatte, und aus einigen Papieren wurde ersichtlich, dass dieser im Besitz des Postbetriebes in der Schweiz gewesen war, in der Art wie jetzt noch in einem grossen Teile Deutschlands und Italiens dieser Einkommenszweig die »Apanage« der Fürsten von Thurn und Taxis ausmacht. Dies liess ein grosses Vermögen voraussetzen, aber auch hiervon war durch gänzlich unbekannte Ursachen nichts oder wenigstens sehr wenig auf das zweite Glied übergegangen.

Havelaar vernahm das wenige, was darüber zu vernehmen war, erst nach seiner Eheschliessung, und bei seinen Nachforschungen erweckte es seine Verwunderung, dass die Kassette, von der ich soeben sprach—und die sie mit dem Inhalt aus einem Gefühl der Pietät aufbewahrte, ohne zu ahnen, dass darin Stücke enthalten sein könnten, die in geldlicher Hinsicht von Wert waren—auf unbegreifliche Weise verloren gegangen war. Wie uneigennützig auch, er gründete auf diese und viele andere Umstände die Meinung, dass dahinter ein ‚roman intime‘ sich verstecke, und man mag es ihm nicht übel deuten, dass er, der er für seine kostspielige Veranlagung viel nötig hatte, mit Freude diesen Roman ein glückliches Ende hätte nehmen sehen. Wie es nun auch sein möge mit dem wirklichen Bestehen dieses Romans, und ob nun »Raub« stattfand oder nicht, gewiss ist, dass in Havelaars Phantasie etwas geboren wurde, was man einen »Millionentraum« nennen könnte.

Doch eigenartig war es wiederum, dass er, der so genau und scharf dem Rechte eines andern—wie tief es auch begraben sein mochte unter staubigen Akten und dicken Gespinnsten von Advokatenkniffen—nachgespürt und es verteidigt haben würde, dass er hier, wo sein eigenes Interesse im Spiel war, nachlässig den Augenblick verpasste, wo vielleicht die Sache hätte angefasst werden müssen. Er schien eine gewisse Scham zu empfinden, hier, wo es seinen eigenen Vorteil galt, und ich glaube bestimmt, wenn ‚seine Tine‘ mit einem anderen verheiratet gewesen wäre, mit jemandem, der sich an ihn mit dem Ersuchen gewendet hätte, er möchte das Spinnengewebe zerstören, worin der grossväterliche Wohlstand hängen geblieben war, ich glaube, dass es ihm geglückt wäre, ‚die interessante Waise‘ in den Besitz des Vermögens zu setzen, das ihr gehörte. Doch nun war diese interessante Waise seine Frau, ihr Vermögen war das seine, und so fand er etwas Kaufmännisches, Entwürdigendes darin, in ihrem Namen zu fragen: »Seid ihr mir nicht noch etwas schuldig?«

Und doch konnte er diesen Millionentraum nicht von sich schütteln, und wäre dies auch nur gewesen, um eine Rechtfertigung dafür bei der Hand zu haben, wenn er, was häufig vorkam, es an sich tadelte, dass er zu viel Geld ausgab.