Die Bekanntschaft zwischen Duclari und Havelaar war bald auf einen angenehmen Ton gestimmt. Der Adhipatti gab zu erkennen, dass er sehr eingenommen sei für seinen neuen »älteren Bruder«, und Verbrugge erzählte später, dass auch der Resident, den er auf seiner Rückreise nach Serang ein Stück Weges geleitet hatte, sich über die Familie Havelaar, die auf ihrem Durchzuge nach Lebak sich einige Tage bei ihm zu Hause aufhielt, sehr günstig ausgelassen hatte. Auch sagte er, dass Havelaar, der bei der Regierung gut angeschrieben stünde, höchstwahrscheinlich schnell in ein höheres Amt befördert oder wenigstens in eine mehr »vorteilhafte« Abteilung versetzt werden würde.
Max und ‚seine Tine‘ waren erst unlängst von einer Reise nach Europa zurückgekehrt und fühlten sich ermüdet von einem Leben, das ich einst sehr eigenartig ein Kofferleben habe nennen hören. Sie erachteten sich also glücklich, nach vielem Umherschwärmen endlich einmal wieder einen Fleck zu bewohnen, wo sie zu Hause sein durften. Vor ihrer Reise nach Europa war Havelaar Assistent-Resident von Amboina gewesen, wo er mit vielen Mühsalen zu kämpfen gehabt, weil die Bevölkerung dieses Eilandes in einem gärenden und aufrührerischen Zustande verkehrte, und zwar infolge der vielen verkehrten Massnahmen, die in der letzten Zeit getroffen wären. Nicht ohne Federkraft hatte er diesen Geist des Widerstandes zu unterdrücken gewusst, doch aus Verdruss über die geringe Hülfe, die man ihm hierin von hoher Hand lieh, und aus Ärger über die elende Verwaltung, die seit Jahrhunderten die herrlichen Regionen der Molukken entvölkert und verwüstet ...
Der sich interessierende Leser suche auf, was über diesen Gegenstand schon im Jahre 1825 von dem Baron Van der Capellen geschrieben wurde; er kann die Publikationen dieses Menschenfreundes im »Indischen Staatsblatt« dieses Jahres finden. Im Zustande jener Gegend ist seit dieser Zeit eine Besserung nicht erfolgt!
Wie dem sei, Havelaar that auf Amboina, was in seinen Kräften lag, doch aus Verdruss über den völligen Mangel an Mitwirkung vonseiten derjenigen, die an erster Stelle berufen waren, seine Bemühungen zu unterstützen, war er krank geworden, und dies hatte ihn bewogen, nach Europa zu verziehen. Strikt genommen, hätte er bei der Wiederplazierung Anspruch gehabt, einen günstigeren Posten zu erhalten als den in der armen, in keiner Weise gut gestellten Abteilung Lebak, da sein Wirkungskreis auf Amboina von grösserer Bedeutung war und er da, ohne Residenten über sich, ganz auf sich selbst gestellt war. Überdies war, schon bevor er nach Amboina verzog, die Rede davon gewesen, ihn zum Residenten zu befördern, und es befremdete hiernach manchen, dass ihm jetzt die Verwaltung einer Abteilung übertragen wurde, die so wenig an Kulturemolumenten aufbrachte, sintemal viele die Bedeutung einer Stellung nach den damit verknüpften Einkünften bemessen. Er selbst freilich beklagte sich darüber durchaus nicht, denn sein Ehrgeiz war keineswegs der Art, dass er hätte betteln mögen um höheren Rang oder grösseren Gewinn.
Und dieses letztere wäre ihm doch gut zustatten gekommen! Denn auf seinen Reisen in Europa hatte er das wenige verausgabt, das er in früheren Jahren erspart. Ja, er hatte Schulden dort hinterlassen und er war also mit einem Wort arm. Doch nimmer hätte er sein Amt als eine Sache des Geldgewinns betrachtet, und bei seiner Ernennung nach Lebak nahm er sich in Zufriedenheit vor, den Rückstand durch Sparsamkeit einzuholen, worin ihn seine Frau, die in Geschmack und Bedürfnissen sehr einfach war, mit grosser Bereitwilligkeit unterstützen würde.
Doch Sparsamkeit war für Havelaar ein schwierig Ding. Was ihn selbst betraf, er konnte sich auf das durchaus Notwendige beschränken, ja, ohne die mindeste Anstrengung konnte er innerhalb dessen Grenzen bleiben. Allein wo andere der Hülfe bedurften, war ihm Helfen und Geben eine wahre Leidenschaft. Er selbst war sich dieser Schwäche bewusst, begründete mit all dem gesunden Verstand, der ihm gegeben war, wie unrecht er thäte, wenn er jemanden unterstützte, wo er selbst mehr Anspruch auf seine eigene Hülfe gehabt hätte ... fühlte dies Unrecht noch lebendiger, wenn auch ‚seine Tine‘ und Max, die er beide so lieb hatte, unter den Folgen seiner Freigebigkeit zu leiden hatten ... er verwies sich seine Gutherzigkeit als Schwäche, als Eitelkeit, als Sucht, gern für einen verkleideten Prinzen sich halten zu lassen ... er gelobte sich Besserung, und doch ... jedesmal, wenn dieser oder jener sich als Opfer eines widrigen Schicksals vor ihm zu gebärden wusste, vergass er alles, um zu helfen. Und das ungeachtet der bitteren Erfahrung von den Folgen dieser durch Übertreibung zum Fehler gewordenen Tugend. Acht Tage vor der Geburt des kleinen Max besass er das Nötige nicht, um die eiserne Wiege zu kaufen, worin sein Liebling ruhen sollte, und kurze Zeit vorher noch hatte er die wenigen Schmuckstücke seiner Frau geopfert, um jemandem Beistand zu leisten, der gewiss in besseren Verhältnissen lebte als er selbst.
Doch all dies lag schon wieder weit hinter ihnen, als sie zu Lebak angekommen waren. Mit heiterer Ruhe hatten sie Besitz genommen von dem Haus, »wo sie nun doch einige Zeit zu bleiben hofften«. Mit einem eigenen Wohlgefallen hatten sie in Batavia die Möbel bestellt, die alles so »comfortable« und gemütlich machen sollten. Sie zeigten sich gegenseitig die Örtlichkeiten, wo sie frühstücken würden, wo der kleine Max spielen sollte, wo der Bücherschrank stehen sollte, wo er ihr des Abends vorlesen würde, was er tags geschrieben, denn er war stets eifrig daran, auf dem Papier seine Gedanken zu entwickeln ... und: »dereinst würde das auch gedruckt werden, und dann würde man sehen, wer ihr Max sei!« Doch niemals hatte er etwas dem Druck übergeben von dem, was in seinem Kopfe umging, weil eine gewisse Scheu ihn erfüllte, die wohl einen Zug von Keuschheit hatte. Er selbst wenigstens wusste diese Scheu nicht besser zu beschreiben, als indem er denen, die ihn zu öffentlichem Auftreten anfeuerten, die Frage vorlegte: »Würdet ihr eure Tochter auf die Strasse laufen lassen ohne Hemd?«
Das war dann wieder eine von den vielen »Schrullen«, die seiner Umgebung das Wort eingaben, dass »dieser Havelaar doch ein sonderbarer Mensch« sei, und wovon ich nicht das Gegenteil behaupte. Doch wenn man sich die Mühe genommen hätte, seinen ungewöhnlichen Ausdruck zu verdolmetschen, so würde man in dieser sonderbaren Frage mit dem Bezug auf die Toilette eines Mädchens vielleicht den Text gefunden haben für eine Abhandlung über die Keuschheit des Geistes, der Scheu empfindet vor den Blicken des interesselos Vorüberbummelnden und sich zurückzieht in sein Gehäuse mädchenhafter Sprödigkeit.
Ja, sie wollten glücklich sein zu Rangkas-Betung, Havelaar und seine Tine! Die einzige Sorge, die sie drückte, waren die Schulden, die sie in Europa zurückgelassen hatten, erhöht um die noch unbezahlten Kosten der Rückreise nach Indien und um die Ausgaben für die Möblierung ihrer Wohnung. Doch Not war keine. Sie sollten doch auch wohl von der Hälfte, von einem Drittel seiner Einkünfte leben können? Vielleicht auch, ja wahrscheinlich, würde er schnell Resident werden, und dann wurde alles leicht und in kurzer Zeit geregelt ...
—Wiewohl es mir arg wider den Strich gehen würde, Tine, wenn ich Lebak verlassen müsste, denn es ist hier viel zu thun. Du musst recht sparsam sein, Beste, dann können wir vielleicht alles uns vom Halse schaffen, auch ohne Beförderung ... und dann hoffe ich lange hier zu bleiben, recht lange!