Havelaar hatte den Kontrolleur ersucht, die Häuptlinge, die in Rangkas-Betung anwesend waren, zu veranlassen, dass sie noch bis zum folgenden Tage dort verweilten, um der Sebah beizuwohnen, die er belegen wollte. Solch eine Versammlung fand gewöhnlich einmal im Monat statt, doch sei es, dass er einzelnen Häuptlingen, die etwas weit vom Hauptplatze entfernt wohnten—denn die Abteilung Lebak ist sehr ausgedehnt—das unnötige Hin- und Herreisen ersparen wollte, oder sei es, dass es sein Wunsch war, sogleich und ohne den festgesetzten Tag abzuwarten in feierlicher Weise zu ihnen zu sprechen ... er hatte den ersten Sebah-Tag für den folgenden Tag angesetzt.
Links vor seiner Wohnung, doch auf demselben »Erbe« und gegenüber dem Hause, das Mevrouw Slotering bewohnte, stand ein Gebäude, das zum Teil die Bureaux der Assistent-Residentschaft enthielt, wozu auch die Landeskasse gehörte, und zum andern Teil aus einer ziemlich geräumigen, offenen Galerie bestand, die recht geeignet war zur Abhaltung solch einer Versammlung. Dort waren denn auch den folgenden Morgen die Häuptlinge frühzeitig vereinigt. Havelaar trat ein, grüsste und nahm Platz. Er empfing die geschriebenen Monatlichen Berichte über Landbau, Viehstand, Polizei und Gerichtspflege und legte sie zu näherer Prüfung beiseite.
Jeder erwartete hierauf eine Ansprache gleich der, welche der Resident am Tage zuvor gehalten hatte, und es ist nicht so ganz und gar sicher, dass Havelaar selbst die Absicht hatte, etwas anderes zu sagen; doch man musste ihn bei solchen Gelegenheiten gehört und gesehen haben, um sich vorstellen zu können, wie er bei Ansprachen wie dieser sich begeisterte und durch seine eigene Art zu reden den bekanntesten Dingen eine neue Farbe verlieh, wie sich dann seine Haltung aufrichtete, wie sein Blick Feuer sprühte, wie seine Stimme vom schmeichelnd-sanften überging zu Lanzettenschärfe, wie die Bilder von seinen Lippen flossen, als streue er Kleinodien um sich her, die ihn doch nichts kosteten, und wie ihn, wenn er anhielt, jeder anstarrte mit offenem Munde, als wolle er fragen: »Mein Gott, wer bist du?«
Es ist wahr, dass er selbst, der bei solchen Gelegenheiten sprach wie ein Apostel, wie ein Seher, später nicht wusste, wie er gesprochen hatte, und seine grosse Beredtheit hatte denn auch mehr die Eigenschaft, Erstaunen hervorzurufen und zu packen, als durch Bündigkeit der Beweisführung zu überzeugen. Er hätte die Kriegslust der Athener, sobald der Krieg gegen Philippus beschlossen war, anfeuern können bis zu vernichtender Raserei, doch nicht so gut wäre es ihm wahrscheinlich, falls es seine Aufgabe war, gelungen, sie durch logische Folgerungen zu diesem Kriege zu bewegen. Seine Ansprache an die Häuptlinge von Lebak wurde natürlich in malayischer Sprache gehalten, und sie entlehnte dem Umstande noch um so mehr Eigenart, als die Einfachheit der orientalischen Sprachen vielen Ausdrücken eine Kraft verleiht, die unseren Idiomen durch litterarische Gekünsteltheit verloren gegangen ist, während auf der andern Seite wieder das süssfliessende des Malayischen schwerlich in irgend einer anderen Sprache wiederzugeben ist. Man bedenke überdies, dass die Mehrzahl seiner Zuhörer aus einfältigen, doch keineswegs dummen Menschen bestand, und zugleich, dass es Orientalen waren, deren Eindrücke sehr verschieden sind von den unseren.
Havelaar muss ungefähr also gesprochen haben:
—Mynheer de Radhen Adhipatti, Regent von Bantan-Kidul, und Ihr, Radhens Dhemang, die Ihr Häupter seid der Distrikte in dieser Abteilung, und Ihr, Radhen Djaksa, der Ihr die Justiz zum Amte habt, und auch Ihr, Radhen Kliwon, der Ihr Autorität übt am Hauptplatze, und Ihr, Radhens, Mantries und alle, die Ihr Häupter seid in der Abteilung Bantan-Kidul ... ich grüsse Euch!
Und ich sage Euch, dass ich Freude fühle in meinem Herzen, nun ich hier Euch alle versammelt sehe, lüsternd nach den Worten von meinem Munde.
Ich weiss, dass da unter Euch welche sind, die hervorragen durch Kenntnis und durch Vortrefflichkeit des Herzens: ich hoffe meine Kenntnis durch die Eure zu vermehren, denn sie ist nicht so gross, wie ich wohl wünschte. Und ich habe wohl die Vortrefflichkeit lieb, doch manchmal gewahre ich, dass in meinem Gemüte Mängel sind, die die Vortrefflichkeit überschatten und ihr den fröhlichen Wuchs nehmen ... Ihr alle wisset, wie der grosse Baum den kleinen verdrängt und ihn tötet. Darum werde ich schauen auf die unter Euch, die durch ihre Tugend hervorragen, um zu versuchen, besser zu werden, als ich bin.
Ich grüsse Euch alle sehr.
Als der Generalgouverneur mir gebot, zu Euch zu gehen, dass ich Assistent-Resident sei in dieser Abteilung, da war mein Herz sehr erfreut. Es kann Euch bekannt sein, dass ich niemals Bantan-Kidul betreten hatte. Ich liess mir Schriftwerk geben, das über Eure Abteilung handelt, und ich habe gesehen, dass viel Gutes ist in Bantan-Kidul. Euer Volk besitzt Reisfelder in den Thälern, und es sind Reisfelder auf den Bergen. Und Ihr wünschet in Frieden zu leben und begehret nicht zu wohnen in Landstrichen, die bewohnt werden von andern. Ja, ich weiss, dass da viel Gutes ist in Bantan-Kidul!