—Ich bin also gut unterrichtet, doch darüber später. Der Regent, der in die Jahre kommt und den Tod fürchtet, wird von der Sucht beherrscht, sich durch Gaben an Geistliche verdienstlich zu machen. Er giebt viel Geld aus für Reisekosten von Pilgern nach Mekka, die ihm allerlei Lumpereien zurückbringen, Reliquien, Talismans und Djimats. Ist es nicht so?

—Ja, das ist wahr.

—Nun, durch alles das ist er so arm. Der Dhemang von Parang-Kudjang ist sein Schwiegersohn. Wo der Regent aus Scham vor seinem Range nicht zu nehmen wagt, ist es dieser Dhemang—doch er ist es nicht allein—der dem Adhipatti den Hof macht, indem er Geld und Gut von der armen Bevölkerung erpresst und die Leute von ihren eigenen Reisfeldern wegholt, um sie vor sich her zu treiben nach den Sawahs des Regenten. Und dieser ... ach, ich will ja glauben, dass er gern anders möchte, aber die Not zwingt ihn, Gebrauch zu machen von solchen Mitteln. Ist dies alles nicht wahr, Verbrugge?

—Ja, es ist wahr, sagte Verbrugge, der mehr und mehr einzusehen begann, dass Havelaar einen scharfen Blick hatte.

—Ich wusste, sagte dieser weiter, dass er kein Geld im Hause hatte, als er soeben über die Abrechnung mit dem Unterkollekteur zu reden anfing. Sie haben heute morgen gehört, dass es mein Vorsatz ist, meine Pflicht zu thun. Unrecht dulde ich nicht, bei Gott, ich dulde es nicht!

Und er sprang auf, und in seinem Ton lag nun etwas ganz anderes, als am Tage vorher bei seinem offiziellen Eide.

—Doch, fuhr er fort, ich will meine Pflicht thun mit Milde. Ich will nicht zu peinlich forschen, was geschehen ist. Doch was von heute ab geschieht, fällt unter meine Verantwortung, dafür werde ich Sorge tragen! Ich hoffe hier lange zu bleiben. Wissen Sie, Verbrugge, dass herrlich schön ist, wozu wir berufen sind? Doch wissen Sie auch, dass ich alles, was ich Ihnen soeben sagte, eigentlich von Ihnen hätte hören müssen? Ich kenne Sie ebensogut, wie ich weiss, welche Leute ‚garem glap‘, d. h. Schmuggelsalz machen an der Südküste, um das scheussliche Monopol zu umgehen. Sie sind ein braver Mensch ... auch das weiss ich. Doch warum haben Sie mir nicht gesagt, dass hier so vieles verkehrt ist? Während zweier Monate sind Sie dienstthuender Assistent-Resident gewesen und obendrein sind Sie hier schon lange als Kontrolleur ... Sie mussten es also wissen, nicht wahr?

—M’nheer Havelaar, ich habe niemals gedient unter jemandem wie Sie. Sie haben etwas besonderes, nehmen Sie es mir nicht übel.

—Durchaus nicht! Ich weiss wohl, dass ich nicht bin wie andere Menschen, doch was thut das zur Sache?

—Insoweit hat es damit zu thun, als Sie einem Begriffe und Vorstellungen mitteilen, die früher nicht bestanden.