—Ich klage nie gern jemanden an, wer es auch sei, doch wenn es sein muss, einen Häuptling so gut wie einen andern. Doch von Anklagen ist nun hier, Gott sei Dank, noch keine Rede! Morgen besuche ich den Regenten. Ich werde ihm die Unrechtmässigkeit einer ungesetzlichen Herrschaftsübung vor Augen führen, vor allem, wo es sich handelt um den Besitz von armen Menschen. Doch in Abwartung der gehörigen Einrenkung werde ich ihm in seinen wirklich heiklen Verhältnissen zur Seite stehen, so gut ich kann. Sie begreifen nun doch wohl, weshalb ich dem Kollekteur das Geld sofort habe auszahlen lassen, nicht wahr? Auch habe ich die Absicht, die Regierung zu ersuchen, sie möge den Regenten von der Tilgung seines Vorschusses auf dem Erlasswege entbinden. Und Sie, Verbrugge, ersuche ich, mit mir vereint zu thun, was unsere Pflicht ist. So lange es geht, mit Sanftmut, doch wenn es sein muss, ohne Furcht! Sie sind ein ehrlicher Mann, das weiss ich, doch Sie sind schüchtern. Reden Sie fortan tapfer heraus, wie die Dinge liegen, advienne que pourra! Werfen Sie die Halbheit von sich, bester Kerl ... und nun: bleiben Sie bei uns zum Essen: wir haben holländischen Blumenkohl in Büchse ... doch alles ist sehr einfach, denn ich muss sehr sparsam sein ... ich bin arg zurückgekommen in puncto Geld: die Reise nach Europa, begreifen Sie? Komm, Max ... sapperlot, Junge, was wirst du schwer!
Und mit Max auf der Schulter, gefolgt von Verbrugge, trat er ein in die Binnengalerie, wo Tine sie am gedeckten Tisch erwartete, der, wie Havelaar gesagt hatte, wirklich sehr einfach war! Duclari, der kam, um Verbrugge zu fragen, ob er noch vor dem Mittagmahl nach Hause zurückkehren werde oder nicht, wurde mit zu Tische genötigt, und wenn dem Leser mit etwas Abwechslung in meiner Erzählung gedient ist, so sei er auf das folgende Kapitel verwiesen, worin ich mitteile, was so alles gesprochen wurde bei diesem Mahle.
Neuntes Kapitel.
Ich gäbe viel darum, Leser, wenn ich recht wüsste, wie lange ich wohl eine Heldin in der Luft schweben lassen könnte, bis du, bei der Beschreibung eines Schlosses, mein Buch mutlos aus der Hand legen würdest, ohne abzuwarten, bis das Weib auf den Boden gekommen ist. Wenn ich in meiner Geschichte so einen Luftsprung nötig hätte, würde ich vorsichtshalber doch immer nur das erste Stockwerk als Ausgangspunkt ihres Sprunges wählen, und ein Schloss, von dem es wenig zu berichten gäbe. Sei aber vorläufig ruhig: Havelaars Haus hatte keine Etage, und die Heldin meines Buches—du lieber Himmel, die liebe, treue, anspruchslose Tine eine Heldin!—ist niemals aus einem Fenster gesprungen.
Wenn ich das vorige Kapitel schloss mit der Verheissung grösserer Abwechslung im folgenden, so war dies eigentlich mehr ein oratorischer Kniff und mehr um einen Schluss zu haben, der gut »klappte«, als dass ich wirklich meinte, dass das folgende Kapitel allein »als Abwechslung« Wert haben sollte. Ein Autor ist eitel wie ... ein Mann. Sprich Übles von seiner Mutter oder von der Farbe seiner Haare, sage, er habe einen amsterdamschen Accent—was ein Amsterdamer niemals zugeben wird—vielleicht verzeiht er dir diese Dinge. Aber ... rühre niemals nur an die Aussenseite des untergeordnetsten Teiles einer Nebensache von etwas, das mal bei seinem Geschreib gelegen hat ... denn das vergiebt er dir nicht! Wenn du also mein Buch nicht schön findest und du begegnest mir mal, thue dann so, als ob wir uns nicht kennten.
Nein, selbst so ein Kapitel »zur Abwechslung« kommt mir durch das Vergrösserungsglas meiner Autoreneitelkeit höchst belangreich und gar unentbehrlich vor, und wenn du es überschlügest und darnach nicht nach Gebühr eingenommen wärest von meinem Buch, würde ich nicht säumen, dir dies Überschlagen vorzuhalten als Ursache, dass du mein Buch nicht recht beurteilen konntest, denn du hättest just das Essentielle nicht gelesen. So würde ich—denn ich bin Mann und Autor—jedes Kapitel für essentiell halten, das du in unverzeihlichem Leserleichtsinn überschlagen.
Ich stelle mir vor, dass deine Frau fragt: Ist denn an dem Buch was »dran«? Und du sagst zum Beispiel—horribile auditu für mich—mit dem Wortreichtum, der verheirateten Männern eigen ist:
—Hm ... so ... ich weiss noch nicht.
Holla, Barbar, lies weiter! Das Bedeutungsvolle steht just vor der Thür. Und mit bebenden Lippen starre ich dich an und messe die Dicke der umgeschlagenen Blätter und ich suche auf deinem Gesicht nach dem Widerschein des Kapitels, das »so schön« ist ...
Nein, sage ich, da ist er noch nicht. Gleich wird er aufspringen und, ausser sich, irgend etwas umarmen, seine Frau vielleicht ...