—Nein, nein, es ist heute der 18. Februar 1587, und Sie sind im Kastell Fotheringhay eingeschlossen ...

—Ich? fragte Duclari, der nicht recht verstanden zu haben glaubte.

—Ja, Sie. Sie langweilen sich und suchen Zerstreuung. Da in der Mauer ist eine Öffnung, doch sie ist zu hoch, um hindurchsehen zu können, und das wollen Sie doch. Sie setzen Ihren Tisch davor und darauf einen Stuhl mit drei Beinen, von denen das eine etwas schwach ist. Sie sahen auf der Kirmess mal einen Akrobaten, der sieben Stühle aufeinander stellte und sich selbst darauf, mit dem Kopf nach unten. Wahnwitz und Langeweile verleiten Sie nun, ähnlich zu thun. Sie erklimmen etwas unsicher den Stuhl ... erreichen das erwünschte Ziel ... werfen einen Blick durch die Öffnung und rufen: o Gott! Und Sie fallen! Wissen Sie mir nun zu sagen, warum Sie »o Gott!« riefen und gefallen sind?

—Ich denke mir, dass das dritte Bein von dem Stuhl brach, sagte Verbrugge belehrend.

—Nun ja, das Bein brach vielleicht, aber nicht darum sind Sie gefallen. Vor jeder anderen Öffnung hätten Sie es ein Jahr lang auf diesem Stuhl ausgehalten, und nun mussten Sie fallen, und wären auch dreizehn Beine unter dem Stuhl gewesen, ja, und hätten Sie auf dem Boden gestanden.

—Nun, meinetwegen, sagte Duclari. Ich sehe, dass Sie sich absolut in den Kopf gesetzt haben, mich fallen zu lassen, koste es, was es wolle. Ich liege da nun so lang ich bin ... doch ich weiss wahrhaftig nicht, warum!

—I, das ist doch sehr einfach! Sie sahen da eine Frau, schwarz gekleidet, vor einem Blocke knieend. Sie beugte das Haupt, und weiss wie Silber war der Hals, der sich vom schwarzen Sammet abhob. Und ein Mann mit einem grossen Schwert stand da, und er hielt es hoch, und sein Blick war auf den weissen Hals geheftet, und er suchte den Bogen, den sein Schwert beschreiben sollte, um da ... da, zwischen diesen Wirbeln hin, hindurchgetrieben zu werden mit Genauigkeit und Kraft ... und da fielen Sie, Duclari. Sie fielen, weil Sie das alles sahen, und darum riefen Sie: o Gott! Keineswegs, weil nur drei Beine unter Ihrem Stuhl waren. Und lange nachdem Sie aus Fotheringhay befreit waren—auf Fürsprache ihres Vetters, denke ich, oder weil es den Menschen langweilig wurde, Ihnen da länger unverpflichtet Kost zu gewähren wie einem Kanarienvogel—lange nachher, ja, bis heute noch träumen Sie wachend von dieser Frau, und im Schlafe selbst schrecken Sie auf und fallen mit schwerem Fall nieder auf Ihre Lagerstätte, weil Sie den Arm des Henkers packen wollen. Ist das nicht wahr?

—Ich will’s schon glauben, aber sicher kann ich es wahrhaftig nicht sagen, weil ich niemals zu Fotheringhay durch ein Loch in der Mauer geguckt habe.

—Gut, gut, ich auch nicht. Aber nun nehme ich ein Gemälde, das die Enthauptung der Maria Stuart darstellt. Nehmen wir an, dass die Darstellung vollkommen ist. Da hängt es, in vergoldetem Rahmen, an einer roten Schnur, wenn Sie wollen ... ich weiss, was Sie sagen wollen, gut! Nein, nein, Sie sehen den Rahmen nicht, Sie vergessen sogar, dass Sie Ihren Stock am Eingang der Galerie abgegeben haben ... Sie vergessen Ihren Namen, Ihr Kind, die Kommissmütze neuen Modells, und also alles, um nicht ein Gemälde in dem Geschauten zu sehen, sondern wirklich Maria Stuart: ganz genau wie zu Fotheringhay. Der Henker steht vollkommen so, wie er wirklich gestanden haben muss, ja, ich will so weit gehen, Sie den Arm ausstrecken zu lassen, um den Schlag abzuwehren! So weit, Sie rufen zu lassen: »Lass die Frau leben, vielleicht bessert sie sich!« Sie sehen, ich gebe Ihnen vollkommen freies Spiel, was die Ausführung des Gemäldes betrifft ...

—Ja, aber was dann weiter? Ist denn der Eindruck nicht ebenso packend, als wie ich dasselbe in Wirklichkeit zu Fotheringhay sah?