—Nein, durchaus nicht, und wohl darum, weil Sie nicht auf einen Stuhl mit drei Beinen geklettert waren. Sie nehmen einen Stuhl—mit vier Beinen diesmal, und am liebsten einen Fauteuil—Sie setzen sich vor dem Gemälde nieder, um gut und lange zu geniessen—wir »geniessen« nun einmal beim Anschauen von etwas Grausigem—und, was meinen Sie, welchen Eindruck das Gemälde auf Sie macht?
—Nun, Schreck, Angst, Mitleid, Rührung—genau so wie damals, als ich durch die Öffnung in der Mauer guckte. Wir haben angenommen, dass das Gemälde ein vollkommenes sei, ich muss also davon ganz denselben Eindruck haben wie von der Wirklichkeit.
—Nein, innerhalb zwei Minuten fühlen Sie Schmerz in Ihrem rechten Arm, aus Mitgefühl für den Henker, der so lange das schwere Stück Stahl unbeweglich in die Höhe halten muss.
—Mitgefühl für den Henker?
—Ja! Mitleidenschaft, Gleichgefühl, verstehen Sie? Und zugleich mit der Frau, die da so lange in unbequemer Haltung und wahrscheinlich in unangenehmer Stimmung vor dem Blocke liegt. Sie haben noch immer Mitleid mit ihr, aber diesmal nicht, weil sie enthauptet werden soll, sondern weil man sie so lange warten lässt, ehe sie enthauptet wird, und wenn Sie noch etwas zu sagen oder zu rufen hätten, so würde es schliesslich—angenommen, dass Sie sich veranlasst fühlen, sich mit der Sache zu befassen—nichts anderes sein als: »Schlag’ doch in Gottes Namen zu, Mann, das Geschöpf wartet drauf!« Und wenn Sie später das Gemälde wiedersehen und mehrfach wiedersehen, so ist gar schon der erste Eindruck: »Ist die Geschichte noch nicht vorbei? Steht er und liegt sie da noch?«
—Aber was ist denn für eine Bewegung in der Schönheit der Frauen in Arles? fragte Verbrugge.
—O, das ist etwas anderes! Sie spielen eine Geschichte aus in ihren Zügen. Karthago blüht und baut Schiffe auf ihrer Stirn ... höret den Hannibalsschwur gegen Rom ... da flechten sie Sehnen für die Bogen ... da brennt die Stadt ...
—Max, Max, ich glaube wahrhaftig, dass du da in Arles dein Herz verloren hast, neckte Tine.
—Ja, für einen Augenblick ... doch ich fand es wieder: ihr werdet es hören. Stellt euch vor ... ich sage nicht: da habe ich ein Weib gesehen, das so oder so schön war, nein: alle waren sie schön, und es war unmöglich, da sich Hals über Kopf zu verlieben, weil jede folgende Frau die vorige aus der Bewunderung verdrängte, und ich dachte dabei wahrhaftig an Caligula oder Tiberius—von wem erzählt man doch diese Fabel?—der dem ganzen menschlichen Geschlecht nur ein Haupt wünschte. So nämlich stieg unwillkürlich der Wunsch in mir auf, dass die Frauen zu Arles ...
—Nur ein Haupt hätten alle miteinander?