»Sie haben keine Familie?«
Ich antwortete, sie irre sich nicht, ich sei alleinstehend.
»Kann ich ganz offen mit Ihnen sprechen?«
Ich antwortete, daß, wenn sie Vertrauen zu mir habe, ich keinen Grund sähe, der sie hindern könnte, zu sprechen, wie es ihr beliebe.
»Wir sind hier allein?«
»Ganz allein!«
Die Dame stand auf und machte zwei Schritte in der Richtung gegen das anstoßende Zimmer, in dem sich meine Bibliothek befand und hinter dem mein Schlafzimmer lag. In der Bibliothek brannte eine matte Lampe, bei deren Schein man das ganze Zimmer überschauen konnte. Ich rührte mich nicht von der Stelle, sagte aber zur Beruhigung der Dame, sie sähe doch selbst, daß bei mir niemand sei, außer der Bedienung und einer kleinen Waise, die bei ihren Erwägungen keinerlei Rolle spielen könnten. Hierauf setzte sie sich von neuem auf ihren Platz, rückte wieder an dem grünen Schirm und sagte:
»Sie entschuldigen mich, ich bin in großer Erregung ..., und mein Benehmen mag sonderbar erscheinen, aber haben Sie Mitleid mit mir!«
Ihre Hand, die sie wieder zu dem Taftschirm der Lampe erhoben hatte, stak in einem schwarzen Glacéhandschuh und zitterte heftig. Statt zu antworten, bot ich ihr Wasser an. Sie hielt mich zurück und sagte:
»Es ist nicht nötig, ich bin nicht so nervös, ich bin zu Ihnen gekommen, weil dieses Begräbnis, diese Menschenketten ..., dieser Mensch, der auf mich einen so außergewöhnlich starken, zwingenden Eindruck gemacht hat, dieses Gesicht und die Erinnerung an all das, was ich zweimal im Leben erzählen mußte, alle meine Gedanken verwirrt haben. Wundern Sie sich nicht, daß ich zu Ihnen gekommen bin. Ich werde Ihnen erzählen, warum ich es getan habe; es macht nichts, daß wir einander nicht kennen: ich habe viel von Ihnen gelesen, und vieles war mir so sympathisch, so verwandt, daß ich es mir nicht versagen kann, mit Ihnen zu sprechen. Vielleicht ist das, was ich vorhabe, eine ganz große Dummheit. Ich will Sie vorher fragen, und Sie müssen mir aufrichtig antworten. Was Sie mir raten, das werde ich tun.«