»Ich liebe ihn. Wissen Sie, es ist ein seltsames Wort, das auf aller Lippen ist und das nur sehr wenige verstehen. Lieben ist dasselbe, wie zur Poesie bestimmt sein, oder zur Rechtschaffenheit. Nur sehr wenige sind zu diesem Gefühle befähigt. Unsere Bäuerinnen gebrauchen an Stelle des Wortes lieben das Wort bemitleiden, und sagen nicht: er liebt mich, sondern: er bemitleidet mich. Dies ist, meiner Ansicht nach, eine viel bessere und auch viel einfachere Erklärung. Das Wort lieben-bemitleiden heißt eben lieben im alltäglichen Sinne. Und dann gibt es noch: sich sehnen. Man sagt: mein Ersehnter, mein lieber Ersehnter ... verstehen Sie, — sich sehnen ...«
Sie hielt inne und atmete schwer. Ich reichte ihr ein Glas Wasser, das sie diesmal aus meinen Händen nahm und sich dabei nicht fortwandte, aber sie war anscheinend dankbar, daß ich sie nicht genauer anblickte.
Wir schwiegen beide. Ich wußte nicht, was zu sagen, und in ihr war anscheinend der Strom der Aufrichtigkeit versiegt. Sichtlich hatte sie alles Wesentliche gesagt, es konnten nur mehr Details folgen. Sie erriet meinen Gedanken genau und sagte mit leiser Stimme:
»Nun denn, wenn Sie mir raten, daß ich es meinem Manne gestehen soll, so werde ich es tun, aber vielleicht können Sie mir etwas anderes sagen? Abgesehen von dem, was mir an Ihnen Sympathie und Vertrauen einflößt, haben Sie auch Erfahrung, ich bin Ihre aufmerksame Leserin. Wir Frauen fühlen auch das, was die berufsmäßigen Kritiker nicht fühlen. Sie können, wenn Sie wollen, Ihre aufrichtige Meinung sagen: soll oder soll ich nicht zu meinem Manne gehen und ihm meine schmachvolle, langjährige Sünde gestehen?«
DRITTES KAPITEL
Wie interessant diese Geschichte auch war, ich fühlte doch meine schwierige Lage. Wenn es auch viel leichter wäre, eine solche Antwort zu geben, wie sie mein Gast forderte, als einen politisch Tätigen zu beruhigen, oder ihm einen gewünschten Dienst zu erweisen, so fühlte ich doch mein Gewissen hier zu einer sehr ernsten Entscheidung berufen. Ich hatte lange genug gelebt und genug Frauen gesehen, die ihre Sünden dieser Art kunstvoll zu verbergen wußten, oder, wenn sie sie nicht verbargen, sie doch nicht eingestanden. Ich habe auch zwei oder drei aufrichtige Frauen gekannt und entsinne mich, daß sie mir weniger wahrheitsliebend, als grausam und affektiert erschienen. Ich fand dabei immer, daß die Frau mit ihrer ganzen Aufrichtigkeit voreilig sei und daß sie sich es ordentlich überlegen solle, bevor sie ihr Verbrechen dem mitteilt, dem sie damit vielleicht schweres Leid zufügt. Ich kümmerte mich niemals darum, wie sich die Welt zu dem Innenleben des Einzelnen verhält. Nicht die Welt, sondern der Mensch selbst ist mir teuer, und wenn ein Leid nicht unbedingt verursacht werden muß, warum es dann tun? Wenn die Frau eben solch ein Mensch ist, wie der Mann, ein gleichberechtigtes Glied der Gemeinschaft, und ihr dieselben Empfindungen zugänglich sind, dasselbe menschliche Gefühl wie dem Manne, was auch Christus sagt und was die Besten meines Jahrhunderts gesagt haben, was jetzt auch Leo Tolstoi sagt und worin ich eine unumstößliche Wahrheit fühle, — weshalb kann dann die Frau nicht dasselbe tun, wie der Mann, der das Gelübde der Keuschheit der Frau gegenüber, der er durch Treue verbunden ist, bricht und schweigt, schweigt, obwohl er sein Vergehen fühlt und dadurch manchmal die ganze Unwürdigkeit seiner Verfehlungen fast ungeschehen macht? Ich bin überzeugt, daß die Frau es ebenso tun kann. Zweifellos übersteigt die Zahl der Männer, die ihren Frauen untreu sind, die Zahl der untreuen Frauen, und die Frauen wissen es. Es gibt nicht eine, oder kaum eine Frau, die nach einer mehr oder weniger langen Trennung von ihrem Manne die Überzeugung hätte, daß der Mann ihr während dieser Trennung treu geblieben sei. Dessen ungeachtet vergibt sie ihm nach seiner Rückkehr großmütig. Die Vergebung drückt sich darin aus, daß sie gar nicht danach fragt, und seine Aufrichtigkeit würde für sie keinen Dienst, sondern eine Kränkung bedeuten. Es wäre eine Handlung, durch die etwas an den Tag gebracht wird, was sie gar nicht wissen will. In der Ungewißheit findet sie die Kraft, ihre Beziehungen fortzusetzen, als seien sie nur versehentlich unterbrochen gewesen. Ich sehe ein, daß in meinen Betrachtungen mehr praktischer Sinn steckt, als abstrakte Philosophie oder hohe Moral, aber ich bin trotzdem geneigt, so zu denken, wie ich eben denke.
In dieser Richtung setzte ich also die Unterhaltung mit meinem Gaste fort und fragte:
»Die schlechten Eigenschaften des Menschen, den sie lieben, flößen Ihnen doch Verachtung ein?«
»Eine sehr starke und beständige.«
»Aber Sie geben sich doch die Mühe, ihn manchmal zu rechtfertigen?«