Fünftes Kapitel.

»Das kam alles daher,« fing der Diakon an, »daß ich vor Ostern nach der Gouvernementsstadt fuhr – mit zwei Pferden. Eins war meines und das andere gehörte dem Subdiakon Serioga. Wir hatten sie beide vor einen Wagen gespannt. Serioga wollte seine Kinder aus der Stadt abholen, und was ich da zu suchen hatte, das mag der Teufel wissen. Ich wollte wohl ein paar gute Bekannte wiedersehen. Als wir nun vor die Stadt kamen, sahen wir, daß die Brücke fort war und eine Fähre die Leute hinüberschaffte. Am Ufer herrschte ein fürchterliches Gedränge; Kopf an Kopf standen die Menschen da; im Zollhäuschen aber hatte ein Soldat einen Branntweinausschank. Na, da die Reihe an uns noch nicht so bald kommen konnte, gingen wir hinein und tranken ein jeder zwei Gläschen, uns zu erwärmen. Auch hier war alles voll von Leuten: Mönche und Fuhrleute und Soldaten und Beamte – das sind die allerschlimmsten – und auch einige Amtsbrüder. Es fanden sich auch ein paar Bekannte aus unserer Gegend, und so mußte man, anläßlich des frohen Wiedersehens, gleich noch zwei Gläschen kippen. Ein Schreiber, ein ungeheuer freches Maul, fing an, uns aufzuziehen. Ich sagte ihm: ›Geh hin, wo du hergekommen bist. Du gehörst nicht zu uns.‹ Darauf er: ›Ich bin ein Offizier meines Kaisers!‹ Und ich: ›Ich selbst bin so gut wie ein Stabsoffizier, mein Bester!‹ – ›Stabsoffizier‹, sagt er drauf, ›ist der Pope, du bist aber sein Untergebener.‹ Da sage ich, vor dem Throne Gottes stünde ich allerdings unter dem Popen meinem Amte nach, in der Politik aber seien wir beide gleich. Da ging der Streit los. Ich wurde immer hitziger, infolge der vielen Gläschen, und rief schließlich: ›Du Tintenseele, was verstehst denn du davon? Du kannst doch die Heilige Schrift gar nicht verstehen, denn du hast keine Gedärme im Kopf. Sag doch mal, hat je ein Pope auf dem Zarenthron gesessen?‹ ›Nein,‹ sagt er. ›Na also! Ein Diakon aber ist Zar gewesen und hat die Krone auf dem Haupt getragen!‹ – ›Wer war denn das?‹ fragt er. ›Wann ist das gewesen?‹ – ›Ja, wann? Ich bin kein Arithmetikus und hab' die Jahreszahlen nicht alle im Kopf, aber nimm mal ein Buch zur Hand und lies nach, was Grigorij Otrepiew war, bevor er als Demetrius Zar wurde, dann wirst du sehen, was ein Diakon wert ist.‹ – ›Nu ja,‹ sagt er, ›das war Otrepiew, aber du, du bist eben kein Otrepiew!‹ – Besoffen, wie ich bin, platz ich auf einmal los: ›Woher kannst du denn das wissen? Vielleicht bin ich noch viel mehr? Der sah dem Demetrius ähnlich, und ich habe vielleicht ein Gesicht wie irgendein Franziskus Venezianus oder ein Mahmud und werde auch König!‹ Kaum hatt' ich das gesagt, meine Lieben, so erhebt dieser verfluchte Federfuchser ein Geschrei, ruft Zeugen auf, bringt die Sache zu Papier. Man packte mich, band mich, setzte mich in einen Wagen, gab mir einen Polizisten mit und schaffte mich in die Stadt. Na und dann – Gott schenke ihm Gesundheit und langes Leben und nach dem Tode die ewige Seligkeit – dem Gendarmenoberst Albert Kasimirowitsch, der damals an der Spitze der Geheimpolizei stand! Am Morgen ließ er mich zu sich kommen, rief seine Frau herbei und sagte: ›Da, sieh mal, Herzchen, so sieht ein Thronprätendent aus.‹ Und dann lachte er mich noch tüchtig aus und ließ mich laufen. ›Geh nur, Vater Mahmud,‹ sagte er, ›und in Zukunft zähle die Gläser, die du leerst.‹ Gott schenke ihm ein langes Leben!« wiederholte der Diakon noch einmal und hob sein Glas. »Ich will auch heut noch auf sein Wohl trinken!«

»Da seid Ihr noch glücklich aus der Klemme gekommen,« sagte der Major langsam.

»Und ob! Ich sag's ja: der Pole ist ein guter Kerl. Der Pole liebt die Regierung nicht, und wo es gegen sie geht, ist er immer nachsichtig.«

Gegen Mitternacht wurde die Unterhaltung der drei Einsiedler unterbrochen; denn die Stunde war gekommen, in der auch sie sich der Gesellschaft anschließen durften: man bat sie zu Tische.


Sechstes Kapitel.

Das Fest sollte jetzt seinen Höhepunkt erreichen.