Vater Sawelij seufzte tief, legte die Feder hin und trat ans Fenster. Der Himmel war mit schwarzen Wolken bedeckt und schon fielen einzelne Regentropfen klatschend in den dicken Staub. Das war der Regen, um den Tuberozow am vergangenen Tage gebeten hatte. Der Alte flüsterte entzückte Worte des Dankes und des Lobes und merkte nicht, wie leise Tränen über seine Wangen liefen. Die Regentropfen aber fielen immer dichter und dichter, und endlich war es, als würde oben ein ganz feines Sieb geschüttelt, und die feuchte Kühle spielte erfrischend um den leicht erhitzten Kopf des Priesters. So am Fenster sitzend, das Haupt auf die weißen Hände gestützt, schlief Vater Sawelij ein.

Inzwischen ging der sanfte Regen, den kein Gewitter begleitet hatte, vorüber, die Luft war frisch und rein geworden, der Himmel klar, und im Osten färbte die graue Dämmerung sich silbern, um dem Morgenrot den Weg zu bereiten, dem Morgenrot des Tages, der dem Gedächtnis unseres heiligen Vaters Methodius von Pesnosch geweiht ist, des Tages, dem, wie wir uns erinnern müssen, der Diakon Achilla eine so große Bedeutung zuschrieb.


Sechstes Kapitel.

Der Osten wurde immer heller, und während sich die Sonne im Nebel hinter dem dampfenden Walde wusch, reckten sich die goldenen Pfeile ihrer Strahlen schon in scharfen Strichen über den Horizont. Ein leichter Nebel wallte über dem Flusse auf und kletterte das zerklüftete Ufer entlang; unter der Brücke ballte er sich zusammen und blieb an den schwarzen, nassen Pfählen kleben. Durch diesen Nebel sieht man das Gemüsefeld bläulich schimmern und den weißen Streifen der Landstraße hinüberleuchten. Über allem liegen noch die Schatten des Halbdunkels, und nirgends, weder in den Häusern, noch auf den Plätzen und Straßen, merkt man etwas vom Erwachen.

Aber da, auf dem höchsten Punkte der steilen Hügelseite von Stargorod, über dem schmalen Zickzackweg, der den steinigen Abhang hinab zum Wasser führt, heben sich zart und durchsichtig die Umrisse einer höchst seltsamen Gruppe ab. In dem schwachen Licht, das sie bescheint, wirkt sie ganz phantastisch. In der Mitte steht ein Mann, von dessen Schultern ein langes, im Gürtel leicht geschürztes Gewand bis zur Erde niederwallt. Ganz plötzlich ist diese Gestalt aus dem allmählich dünner werdenden Nebel aufgetaucht und steht unbeweglich, wie ein Gespenst.

Ein abergläubischer Mensch könnte denken, es wäre der Hauskobold von Stargorod, der, ehe die Stadt erwacht, noch ein paar Klageseufzer über ihr anstimmen will.

Aber je heller es wird, desto deutlicher erkennt man, daß es kein Hauskobold, noch sonst ein Geist ist, trotzdem aber auch nicht etwas ganz Alltägliches. Wir sehen jetzt, daß die Figur ihre Hände in die Taschen gesteckt hat. Aus der einen Tasche guckt eine sehr lange Gerte hervor, an deren Ende eine Schleuder oder eine Angelschnur gebunden ist. Aus der anderen hängt an vier Fäden etwas, das wie eine schwere Keule aussieht. Ein leiser Wind erhebt sich, die Oberfläche des schläfrigen Flusses beginnt sich leicht zu kräuseln, ein Zittern fährt durch die Zweige der Birken hinter dem schöngemusterten Gittertor des Domes, und die leeren Falten am weiten Gewande der Gestalt auf dem Berge geraten in Bewegung und enthüllen ein paar dünne Beine in weißen Unterhosen. In demselben Augenblick, wo diese dünnen Beine sichtbar werden, tauchen hinter ihnen plötzlich vier Hände auf, welche zwei anderen Gestalten gehören, die sich mehr im Hintergrunde gehalten hatten. Diese diensteifrigen Hände fassen die wehenden Enden des Gewandes, schlagen sie wieder zusammen und verhüllen aufs neue die dünnen, weißen Beine des Standbildes. Jetzt braucht man nur etwas schärfer hinzusehen, um auch die zwei anderen Gestalten zu erkennen. Rechts zeigt sich eine Frau. Sie fällt vor allem durch die ungeheure Wölbung ihres Leibes auf, über dem sich eine schmale Tunika hoch emporbläht. In der Hand hält sie einen glänzenden Metallschild, in dessen Mitte ein großer Büschel Haare befestigt ist, die soeben erst mit der Haut vom Kopfe des Feindes gelöst zu sein scheinen. Auf der anderen Seite, also zur Linken der hohen Gestalt, zeigt sich ein kurzbeiniger, schwarzer Wilder mit breitem Bart. Unter dem linken Arm hält er etwas wie ein Folterinstrument, und in der Rechten hat er einen blutigen Sack, aus dem zwei Menschenköpfe heraushängen, bleich, haarlos, wohl die unglücklichen Opfer der grausamen Folter. Um diese drei Gestalten scheint der ganze Zauber der nordischen Sage zu wehen. Nun steigt die helle Sonne noch ein wenig höher, und der Sagenzauber löst sich in nichts auf. Die drei stehen noch einen Augenblick da und eilen dann den Hügel hinab. Nachdem sie etwa zehn Schritte gemacht haben, bleiben sie wieder stehen, und der Größte, der vorausging, sagt leise: