Dank seinem Talente führte der nun verstorbene Drukart nicht nur die Aufträge des Fürsten, sondern nicht selten auch jene der Fürstin aus.
Gerade zu jener Zeit brauchte die Fürstin Geld zu irgend einem wohltätigen Zwecke und beauftragte deshalb den Drukart eine Wohltätigkeits-Vorstellung im Stadttheater zu arrangieren.
Auch ich war, wie es alle sagten, kein schlechter Vorleser und Schauspieler, weshalb ich bei allen derartigen Fällen mit in Rechnung gezogen wurde.
Drukart schrieb, daß, da ich sowie der zu jener Zeit in Kiev lebende Rechtsanwalt Jurov ziemlich gleich groß und uns auch sonst äußerlich ähnlich seien, wir beide in dem zur Aufführung kommenden „Revisor“ die Rollen des Dobčinskij und Bobčinskij übernehmen müßten.
Bei meiner damaligen geistigen und körperlichen Abgespanntheit und Müdigkeit, sowie sonstiger Nervosität, bedeutete diese Mitteilung geradezu einen Überfall.
Ich warf mißmutig das Schreiben meines Freundes auf den Tisch und beschloß anderen Tages so zeitlich wie möglich Drukart aufzusuchen und ihm klar zu machen, daß ich durchaus nicht entschlossen sei, seinem Wunsche zu entsprechen.
Während ich nun über diese Angelegenheit nachdachte und Tee trank, erinnerte ich mich plötzlich an den unglücklichen Juden, und war sehr erstaunt, ihn nicht zu sehen.
Und er, der Arme, schlief zusammengekauert wie ein Igel auf einem zwischen der Türe und einem Kasten liegenden Ziegenfelle, welches als Schlafstelle meinem Jagdhunde diente.
Sie lagen friedlich nebeneinander, der Mensch und der Hund, etwas bösartiger Natur, der überhaupt Juden nicht leiden konnte, so friedlich, als ob der Hund instinktmäßig begriffen hätte, daß er in diesem Augenblicke eine Ausnahme machen müsse, denn der, welcher neben ihm liegt, sucht Zuflucht und trage das größte Herzleid, welches nur ein Menschenherz zu ertragen im Stande ist, weshalb es nicht angeht, ihn zu verjagen oder zu stören in lange nicht gehabter und ihm doch so sehr nötiger Ruhe.
Ich war zufrieden mit dem Juden und dem Hund und ließ beide ungestört das Lager teilen; ich selbst suchte mein Bett auf, abgespannt von den Eindrücken der letzten Stunden, deren es unbarmherzig viele gab: Ich sah im Traume den gemieteten Ersatzmann, die Judenschenke in Weißkirchen, das Kloster, den Metropoliten, ich hörte das Jammern und Klagen des Juden, den Namen „Jeschu“, sah den ruhigen, bedächtigen Fürsten und die eigenwillige Fürstin mit ihrer allzu gewaltigen Bedeutung; meinen Zwillingsbruder Jurov, Bobčinskij, Dobčinskij Drukart; die Unmöglichkeit diesem allem zu entlaufen; dann auf einmal ... stilles traumhaftes Erinnern an meine alte Kindsfrau, die Bulgarin Marina, welche von allen — ich weiß nicht warum — nur die Türkin genannt wurde — alles dieses jagte sich in mehr oder minder deutlichen Szenen in meinem Kopfe und Schlafe herum.