Es ist daher einleuchtend, daß bei einem solchen Leben wenig Zeit übrig geblieben ist, um sich für fremdes Leid interessieren zu können und mit fremden Leuten fremdes Leid zu beweinen. —

Zu jener Zeit an einem Tage, welcher mir nichts Angenehmes brachte, saß ich Abends hinter dem Schreibtisch in meiner Kanzlei und las die eingegangenen Aktenstücke, Beschwerden und Klagen.

Es waren ihrer keine geringe Zahl; fast alle enthielten eines und dasselbe: Klagen und Bitten, ja sie waren fast alle nach einer und derselben Schablone, fast mit denselben gleichen Worten verfaßt.

Mit einemmale fällt in meine Hand ein Blatt außergewöhnlich schlechten Papiers, zerknüllt, weshalb ich auf dasselbe aufmerksam wurde.

Von diesem Blatte Papier und dem, was auf demselben geschrieben stand, wehte eine so große Angst, Qual und Herzensleid, soviel Kummer und Sorge, daß man dasselbe nicht achtlos aus den Händen legen konnte.

Der Blick auf dieses Papier erinnerte an jene Bettler, bei welchen die Not und das Elend aus jedem Flicken, jedem Riß an den Kleidern, ja sogar aus den Augen blickt.

Obzwar ich — aufrichtig gesagt — den Klagen keine große Aufmerksamkeit für gewöhnlich zu schenken pflegte, fühlte ich hier eine nicht zu überwindende Notwendigkeit auf den Inhalt des Geschriebenen näher einzugehen und denselben aufmerksam durchzulesen; ich fand jedoch, daß dies fast unmöglich sei.

Vorerst war es schwierig zu bestimmen, in welcher Sprache das Bittgesuch eigentlich geschrieben sei; ja sogar die Buchstaben gehörten nicht einem und demselben Alphabet an.

Es standen hier russische und polnische Wörter in den betreffenden Schriftzeichen geschrieben nebeneinander, hie und da stand ein Wort, nicht selten sogar ganze Sätze in hebräischen Buchstaben unter den anderen.

Die Bittschrift war etwa in der Art und Weise verfaßt, wie jene der Gogol’schen Kaufleute an den „Herrn Finanzew Chlestakov“; es fanden sich hier einzelne Wörter aus dem allerhöchsten Titel, der Name des Präsidenten, der Bart des General-Gouverneurs, Ober-Hochehrwürden und „Flügertorčakov“[4] und „wenn Gott errette“ — mit einem Worte, aus dem ganzen war zu ersehen, der Bittsteller klage bei allen weltlichen und geistlichen Gerichten der ganzen Welt, doch war die Bittschrift derartig verfaßt, daß man dieselbe, unter anderen Verhältnissen, als eine Scherz- oder Spotteingabe angesehen und einfach in den Papierkorb geworfen hätte.