Drittes Kapitel.

Nach der bei uns bestehenden Gepflogenheit bedeutete diese Eingabe gar nichts, um so mehr, als der Introligator mit seinem Ersatzmann noch gar nicht in Kiev war, während der Knabe sich bereits an Ort und Stelle befand und für morgen schon zur Stellung bestimmt war.

War derselbe gesund und kräftig gebaut, zeigte er sich dem äußeren Ansehen nach zwölfjährig, so war sein Schicksal besiegelt und klar: er wurde assentiert, geschoren und in ein Regiment, welches weit, weit im Norden vielleicht gar in Sibirien garnisoniert, gesteckt.

Deshalb legte ich die Bittschrift des Introligators, nachdem ich an derselben die nötige Bemerkung machte, bei Seite.

Mehr konnte ich nicht tun.

So verging in voller Tätigkeit eine Stunde, eine zweite, dritte; — mir ging der arme, belesene Introligator nicht aus dem Sinn.

Ich stellte mir vor: wie er morgen Früh hier anstürmt, sein Kind jedoch bereits als assentiert in der Kaserne findet, wohin man sehr leicht hinein-, schwer aber herausgelassen wird.

Mir tat der arme Jude mehr und mehr leid, denn seine Bittschrift zeigte trotz ihrer Eigentümlichkeit, daß der Buchbinder für die damalige Zeit eine ziemlich große allgemeine Bildung besitzen müsse, hinter welcher sich zwar die alte — doch stets neu bleibende — Geschichte von der Judenverfolgung offenbarte.

Man konnte daraus sehen, daß ein, von der Natur mit klarem Verstande begabter Mensch, der sich bemühte ein wenig sich zu bilden und seinen Gesichtskreis zu erweitern, ohne sich seinem Glauben zu entfremden oder ihn zu verleugnen, sobald er sich seine eigene Ansichten über den Geist der Gesetze mache und nicht nach dem Buchstaben desselben lebe, von den Stammesgenossen sofort zu den „gefährlichen Freigeistern“, den „Abtrünnigen, Neuerern“ gezählt und von den phariseischen Talmudisten zu Grunde gerichtet wird, die sich vornehmen ihn von der Erde verschwinden zu lassen.

Wäre der Introligator reich, würde er Schweinebraten und Würste essen, würde er vollständig vergessen, daß es überhaupt einen Jehova und dessen Gesetze gäbe, aber würde er die Kreise der Talmudisten und deren Lügenmoral nicht stören — so hätte dieses gar nichts zu bedeuten — man würde ihn in der Gemeinde nach wie vor dulden, möglicherweise ehren und verteidigen; aber da zeigt sich auf einmal etwas kleines, unbedeutendes, eine Art Geistesfreiheit, ein Freisinn, welchen die orthodoxe Judenschaft nicht dulden will, noch vertragen kann.