Achtzehn Jahrhunderte konnten an dieser Geschichte nichts ändern.
Einem oder dem andern kann es möglicherweise eigentümlich vorkommen, warum ich den Worten des Introligators eine solche Bedeutung beilege, der durch das ihn betroffene Unglück leicht den Glauben erwecken konnte, er werde seiner religiösen Ansichten wegen von den anderen Juden verfolgt.
Ich sehe dies ein; wenn dieser Fall zu jetziger Zeit sich ereignen würde, so möchte ich selbst einen derartigen Vorfall für sehr verdächtig halten und ansehen; aber zu jener Zeit, in welcher meine Geschichte ihren Anfang und ihr Ende nahm, war an so etwas, als „Freiheit des Geistes, oder der Meinungen“ gar nicht zu denken; darüber hatten sich damals selbst solche Leute keine Ansichten gemacht, welche in weit günstigeren und besseren Verhältnissen standen als der Jude, dessen Knaben man aus dem Bette raubte.
Dem Juden konnte es gar nicht in den Kopf kommen, mit Liberalismus und Freigeisterei glänzen zu wollen, da ihm diese mehr Schaden wie Nutzen bringen konnten, was doch seinen Berechnungen nicht entsprechen konnte.
Ich mußte deshalb aus den über Religion im Bittgesuche gebrauchten Worten und Sätzen den Schluß ziehen, daß dieselben tatsächlich wahrer und tiefer, überzeugungsvoller Religiosität entstammen und aus reinem Herzen kommen.
Ich wiederhole: mir tat der arme Jude leid!
Ich fasste den Gedanken, demselben, so weit es in meiner Macht stand und es meine Kräfte erlaubten, behilflich zu sein.
Ich nahm mir vor, noch spät Abends, nach beendigten täglichen Geschäften, im „Englischen Hof“, wo der zur Rekrutierung kommandierte Flügeladjutant wohnte, vorzufahren und ihn zu bitten, dem Juden seine Hilfe angedeihen zu lassen und die für morgen bestimmte Stellung auf übermorgen zu verschieben, wodurch ein Tag zu Gunsten des Juden gewonnen worden wäre.
Obzwar sich die zur Stellungskommission kommandierten Flügeladjutanten in die Anordnungen der Kommission nicht einzumischen pflegten, so wurden doch ihre Wünsche stets mehr oder weniger beachtet.
Meine Absicht kam jedoch nicht zur Ausführung, denn früher, ehe es dazu kam, hatte die unglückselige Angelegenheit eine solche Wendung genommen und wurde mit einemmale so schwierig, daß der Knabe nur durch ein Wunder gerettet und seinem Vater zurückgegeben werden konnte.