»Mit Fug und Recht! Sie dienen dem Vaterlande mit Feder und Schwert zugleich!«
»Der Bär von Hohen-Esp tut es mit dem Pfluge!« Sie sah ihn groß und erstaunt an. »Indem er sich selber zum reichen Mann macht?«
»Auch dadurch. — Wenn sich ein Landwirt bemüht, seine Güter auf eine stets höhere Kulturstufe zu bringen, sie stets ertragsfähiger und besser zu machen, so dient er damit indirekt auch seinem Vaterlande. Außerdem ist anzunehmen, daß ein Mann, dessen persönliche Lage sich ständig hebt, darauf bedacht ist, für seine Arbeiter und deren Wohlergehen, für seine Bediensteten und deren günstige finanzielle Lage zu sorgen. Er arbeitet dadurch am besten an der Lösung der großen sozialen Lage mit und schafft in seinem Kreise vielleicht mehr Gutes, als manch ein Held der Feder und des Säbels Zeit seines Lebens! — Ganz abgesehen von dem erziehlichen und fördernden Einfluß, den gerade der Gutsbesitzer in seinem kleinen Reiche ausüben kann!«
»Das mag alles sehr logisch sein,« zuckte die junge Dame etwas ungeduldig die Achseln, »aber es bezieht sich leider nur auf die Gräfin und nicht auf ihren Sohn! Außerdem sind wir Frauen zu kurzsichtig, um solch ein Wirken in der Stille genügend anzuerkennen. Für die Mutter genügt es mir, für den Sohn nicht!«
»Und warum nicht für diesen?«
»Weil ich bei einem Manne Taten sehen will! Es steckt in jedem Mädchenkopf ein gutes Stück Romantik, welches den Wert eines Mannes nur nach der Qualität von Mut und persönlicher Kühnheit bemißt, welche er zeigt. Die idealste Tat imponiert mir gar nicht, wenn der Betreffende, welcher sie ausübt, sich nicht dabei exponiert und sein Leben aufs Spiel setzt! — Wenn heute ein reicher Mann Hunderttausende hingibt für den Bau eines Krankenhauses, so finde ich das sehr edel, sehr lobenswert und schön, aber mein Herz wird für den hochherzigen Spender nicht um einen Hauch schneller schlagen wie vorher! Wenn aber ein Soldat mit kühnem Hurra im Kugelregen vorwärts stürmt, um für seinen Kaiser einen Sieg zu erkämpfen ... wenn ein Mensch sich mutig in ein brennendes Haus wagt, um ein Kind zu retten ... wenn er sich daherrasenden Rossen entgegenwirft, einen Greis zu schützen ... ja, das ist Heldenmut, welcher mich stets zu heißem Entzücken, zu flammender Bewunderung begeistern wird!« —
»Ich verstehe Sie und Ihre Ideale vollkommen, mein gnädiges Fräulein, und freue mich dessen, wenngleich Sie bei all Ihrer edlen Leidenschaftlichkeit doch etwas engherzig urteilen. Jeder leistet gewiß so viel, wie in seinen Kräften steht, aber jeder muß sich auch den Verhältnissen anpassen, in welche ihn Gottes Vorsehung gestellt hat. — Wenn die Völker nicht aufeinander schlagen, wird es schwer sein, sich blutige Lorbeeren auf dem Schlachtfeld zu pflücken, und wenn kein Haus brennt, hält es schwer, Gefährdete zu retten! — In unsern, gottlob so stillen Zeiten lassen sich Taten, welche man mit den Augen sieht, am wenigsten vollbringen; aber warten Sie nur, — wenn sich die Gelegenheit bietet, wird auch Graf Hohen-Esp seinen Mann stehen!«
Ein sarkastisches Lächeln zuckte um Gabrieles Mund, mit ungläubigem Blick streifte sie die Reckengestalt des Genannten, welcher soeben vor den jungen Prinzessinnen stand und so befangen in sich zusammensank, als fehle Mark und Kraft in seinen Knochen, — dann wandte sie mit aufleuchtenden Augen das Köpfchen und sah Herrn von Heidler entgegen, welcher sich hastig zu ihr Bahn brach und um eine Extratour bat.
Die breite Narbe auf seiner Stirn hob sich dunkelrot von dem erhitzten Gesicht ab, die Narbe, welche stets von dem schweren Sturz erzählen wird, welchen der schneidige Kavallerist sich bei tollkühnem Ritt geholt! — Gabrieles Herz schlägt hoch auf, sie legt die bebende Hand auf seinen Arm und blickt sekundenlang in das scharfgeschnittene, trainierte Gesicht mit den unruhig flackernden Augen empor. —
Hart, eisern — fest ist es — wie aus Bronze gegossen; der Griff, mit welchem er ihre schlanke Gestalt beinahe an sich reißt, hat nichts so Zartes, Rücksichtsvolles, wie die Hände des Bären von Hohen-Esp, als er sie, behutsam, wie ein zartes Vögelchen, aus dem Schnee hob.