»So kommt er heute noch! Warum mißtraust du ihm so sehr, Mama? Warum zweifelst du an seiner Aufrichtigkeit?« —
Frau von Sprendlingen schlang krampfhaft die Hände ineinander. »Weil ich die Menschen besser kenne wie du, Kind!« sagte sie gepreßt.
»Du bist jetzt nervös und verbittert, Mamachen, du wirst einsehen, wie unrecht du ihm tust!«
Das scharfe Klingeln der Hausglocke drang zu ihnen herauf, — Gabriele zuckte mit leuchtenden Augen empor, und auch die Baronin blickte wie in jäher Hoffnung nach der Tür. —
Nach wenigen Minuten stand der Portier auf der Schwelle, er hielt einen köstlichen Strauß von Orchideen und Tuberosen sowie eine Visitenkarte in der Hand.
»Eine schöne Empfehlung von dem Herrn Leutnant von Heidler, und er ließe den Damen herzlichst Lebewohl sagen und eine glückliche Reise wünschen! Der Herr Leutnant wäre gern selber noch vorgekommen, er ist aber zu seinem großen Bedauern verhindert!« —
Da die beiden Damen bleich und schweigend wie zwei Marmorsäulen vor ihm standen und keine Hand sich hob, den Strauß in Empfang zu nehmen, legte ihn der Sprecher seitlich auf den Tisch.
»Es ist nämlich die Schlittenpartie heute, die der Herr Oberleutnant arrangierte!« fuhr er fort, mehr aus momentaner Verlegenheit wie aus Geschwätzigkeit. »Der Enkelin des Herrn Ministers zu Ehren, wie meine Frau sagt, die hilft ja manchmal in der Küche bei Exzellenz aus, wie die Damen wissen! Na, da hört sie so mancherlei. — Der Herr Oberleutnant ist jetzt beinahe alle Tage da im Hause! Die Fräulein Enkelin soll ja wohl steinreich sein, darum gibt's so ein Fest ums andere! Ja, und was ich noch sagen wollte, Frau Baronin, die Koffer werden morgen früh schon um sechs Uhr abgeholt ... die Dienstmänner können es nicht gut anders machen ... und ... wie ist es mit einer Droschke, soll ich sie für die Damen bestellen? — Ich gehe nachher doch noch mal aus ...«
»Ich danke Ihnen, Hartlich, wir gehen zu Fuß. Die Koffer stehen auf dem Flur bereit. Guten Abend!«
Der Portier blickte die Sprecherin betroffen an. So geisterhaft hatte er die Damen noch nie zuvor gesehen, und die Stimme der Gnädigen klang wie aus dem Grabe.