»Ihre Arbeit ist die, bei mir zu sein, liebe Gabriele!« sagte sie ruhig. »Fürerst sehen Sie sich alles an, wie ich gewohnt bin, den Tag einzuteilen, und falls es einmal nottut, vertreten Sie mich. — Am Nachmittag ist es oft stille Zeit, dann werde ich mich am meisten Ihrer Gesellschaft freuen. Heute zeige ich Ihnen die Zimmer der Burg, welche wir für gewöhnlich nicht bewohnen.«
Das geschah. —
Den riesengroßen Schlüsselbund an der Gürteltasche, schritt Gundula mit ihrem jungen Gast durch die wunderlichen Gemächer, in welchen eine längst vergangene Zeit gleich einem Dornröschen in tiefem Zauberschlafe lag.
Wie düster, wie still ringsum.
Die Schritte hallten auf den eingesunkenen Dielen, hier und da huschte der graue Schatten einer Maus unter altgeschnitztem Schrank oder silberbeschlagener Truhe hervor.
Am meisten interessierten Gabriele die Ölgemälde in dem Ahnensaal, einem viereckigen Gemach mit niedriger, getäfelter Decke und Parkettplatten, welche schreitende Bären als Muster aufwiesen.
Hier hingen die Familienbilder, und Gabriele las ernsten Blickes die Namen auf den kleinen Schildern, während Gundula wie in tiefen, schwermütigen Gedanken langsam weiterschritt und mit umflorten Blicken zurückschaute in eine Zeit, wo sie zum erstenmal am Arm des Geliebten diesen Saal betreten, ein überglückliches, leidenschaftlich empfindendes Weib, welches sich bei dem Anblick dieser alten Bilder zu all dem begeisterte, was sie später für ihren Sohn geschaffen, erstrebt und erreicht.
Gabriele las mit einigem Befremden unter verschiedenen Gemälden dieselbe Anmerkung.
Hier eine stolze, markige Männergestalt in schlichtem Wams und hohen Wasserstiefeln.