Nun wußte sie es bestimmt, daß Guntram Krafft noch an demselben Tage eintreffen werde. —

Aber ihre kleine Komödie mußte sie nun durchführen, und darum klagte sie auch Gabriele, daß sie eine schlechte Nacht gehabt und sich leidend fühle.

Das junge Mädchen war aufrichtig erschreckt und besorgt und bemühte sich, auf jede Weise die Kranke zu hegen und zu pflegen. Da sah Gundula, welch ein weiches, zärtliches Gemüt sich hinter all der ernsten Gemessenheit ihres Wesens versteckte, und sie freute sich dessen von Herzen.

Auch beobachtete sie es voll Interesse, mit wieviel Verständnis und Umsicht Fräulein von Sprendlingen das ihr so ungewohnte Amt einer Hausfrau übernahm und die Gräfin in Küche und Keller ersetzte.

Da lag es wie ein milder Sonnenglanz auf dem schönen, bleichen Antlitz der »Frau Herzeleide«, und zum erstenmal seit langen, schweren Jahren brannte ihr Herz in lebhafter, freudiger Erwartung auf ein Glück, welches sicher kommen mußte, — sicher und bald, das fühlte sie.


Als Gabriele in die große, gewölbte Küche trat, sah sie eine dunkel gekleidete, trübselig dreinschauende Frau, welche in einem Topf Essen empfing und mit bescheidenem Dank und Gruß davonschritt.

»Wer war die Frau? Eine Kranke?« fragte Gabriele die Mamsell.

»Nein, gnädiges Fräulein, das war die Witwe des Fischers Riek, welcher bei der letzten Rettung der Schiffbrüchigen von dem Wrack der ›Sophie Johanne‹ ertrunken ist.«

Ertrunken!