Gabriele ist durchaus ahnungslos, und ihre Ruhe und Gelassenheit sind echt.

Gundula besitzt Menschenkenntnis, und weil sich ihre liebsten und sehnsüchtigsten Pläne an das junge Mädchen knüpfen, hat sie dasselbe mit dem argwöhnischen Scharfblick einer sorgenden Mutter beobachtet. Das Resultat dieser Beobachtungen war ein sehr günstiges, denn die große Aufrichtigkeit, welche Gabriele hier und da vielleicht etwas schroff erscheinen ließ, schätzte die Gräfin als eine Garantie dafür, daß sie nie aus Heuchelei oder Berechnung nach dem Ehering streben wird.

Guntram Krafft ist noch zu jung und weltfremd, um dies richtig zu beurteilen, und wenn Gabriele selber sagt, daß sie ihm wohl nicht liebenswürdig erschien, weil sie absprechend über Meer und Strand geurteilt, so ist der Schwärmer Guntram möglicherweise tief verletzt vor dieser Offenheit.

Auf alle Fälle ist es seine Absicht, Hohen-Esp um Gabrieles willen fern zu bleiben, und mit Vernunftsgründen richtet man bei verliebten Leuten nichts aus; also muß die Gräfin eine kleine List gebrauchen, den Flüchtling heimzuholen. Der Zweck heiligt die Mittel.

Im Verkehr mit Gabriele wird sie den Sohn alsdann unauffällig beobachten, und es wird ihr nicht schwerfallen, seines Herzens heimlichste Gedanken zu erforschen.

Die Ehen werden im Himmel geschlossen, und wäre Gabriele nicht für ihren Liebling bestimmt, so würde Gott der Herr sie nicht in so wunderbarer Weise hierher in die Einsamkeit geführt haben.

Mit einem Lächeln auf den Lippen schlief die Gräfin ein, und als sie früh am Morgen erwachte, schrieb sie alsogleich ein paar Zeilen an Guntram Krafft.

Sie teilte ihm mit, daß sie sich nicht wohl fühle, daß sie die Nacht meist schlaflos verbracht, sie sei eine alte Frau, welcher jeden Augenblick etwas zustoßen könne. Die Abwesenheit ihres einzigen Kindes sei ihr ungewöhnt und beunruhige sie, die Sehnsucht nach ihm wirke nachteilig auf ihren Zustand ein. So lieb wie sie Gabriele in der kurzen Zeit schon gewonnen habe, sei ihr dieselbe doch eine Fremde, welche den Sohn nicht ersetzen könne. Außerdem sei der alte Klaaden einige Male dagewesen, um voll Ungeduld nach dem Herrn zu fragen, wahrscheinlich sei seine Anwesenheit aus irgendeinem Grunde dringend notwendig. — Und zum Schluß bat sie den Sohn, unverzüglich abzureisen und zu kommen, falls er sie nicht noch kränker machen wolle!

Ein beinahe schelmisches Lächeln spielte um Gundulas sonst so herbe und ernst geschlossene Lippen, als sie das Schreiben adressierte und durch einen reitenden Boten sogleich besorgen ließ.