Sie entsann sich plötzlich der seltsamen Veränderung, welche mit dem jungen Mann vor sich ging, als er Gabrieles Bild sah, — sie rief sich sein Benehmen in das Gedächtnis zurück und hatte den Schlüssel dafür gefunden.

Guntram Krafft hatte sein Herz an das auffallend reizende Mädchen verloren, das bewies ihr sein Verhalten auf dem Balle und seine Erregung bei dem Anblick ihres Bildes.

Gabriele gab es selber ehrlich zu, daß sie nicht sonderlich liebenswürdig zu ihm gewesen sei; das hatte der weltfremde, unerfahrene Mann für eine direkte Abweisung gehalten und ergriff in planloser Verwirrung die Flucht.

Und so wie er damals die Residenz um des jungen Mädchens willen verließ, so kehrte er auch jetzt in der ersten Aufregung Hohen-Esp den Rücken, um ein Wiedersehen zu vermeiden.

Die Gräfin lächelte.

Welch ein Kinderherz! als ob sich diese Flucht auf die Dauer durchführen ließe!

Vielleicht macht ihn seine Liebe auch scheu und befangen — er flieht aus Verlegenheit. Seine Schwermut, sein so ganz verändertes Wesen seit der Heimkehr, bestätigten diese Ansicht.

Und nun fügt es Gottes Gnade und Barmherzigkeit, daß die Mutter selber die Geliebte des Sohnes unter sein Dach führt!

Welch eine wunderbare, unbegreifliche Fügung! Wäre tatsächlich von Gabrieles Seite eine schroffe und definitive Abweisung erfolgt, so wäre das junge Mädchen nach Anlage ihres Charakters nie nach Hohen-Esp gekommen. Auch hätte sie nie so ruhig und gleichmütig von Guntram Krafft gesprochen.