»Es ist eine köstlich frische Luft hier!« sagte sie nach kurzem Schweigen: »Aber die See liegt ebenso still und träge, wie damals in Heringsdorf, und was Sie daran so schön finden, erklären Sie mir, bitte, Graf!«
Er sah sie nicht an, aber das Entzücken, welches sein Auge spiegelte, vertiefte sich.
»Wie kann man eine derartige Schönheit mit Worten nennen!« sagte er leise, »die analysiert man nicht, sondern empfindet sie! — Mir deucht, Sie haben sonst so viel Verständnis für Poesie, mein gnädiges Fräulein, und stehen ihr gerade hier, wo sie sich uns am reichsten und vollkommensten entschleiert, so blind gegenüber. Fühlen Sie es nicht mit allen Fasern Ihres Herzens, welch ein Stücklein Gottesfrieden sich rein und unverfälscht hier an der See erhalten hat? — Bekommen Sie nicht eine Ahnung von der Unendlichkeit, wenn Sie über diese weite — weite Flut schauen, die so ohne Anfang und Ende scheint, wie der Himmel uns zu Häupten? Und wenn Sie die Wellen schauen, wie sie in ewig gleicher Weise, Tag und Nacht, Jahr um Jahr, hier gegen den Strand rollen, von keines Menschen Kraft bewegt, geheimnisvoll kommend und gehend, dem ewig weisen Willen eines Gottes gehorchend, vor dessen Antlitz tausend Jahre sind wie ein Tag — — schauert Ihr Herz nicht zusammen in einem Gefühl unendlicher Andacht, in dem Empfinden jenes scheuen Entzückens: ›Jede dieser Wogen ist ein Pulsschlag der Ewigkeit?‹«
— Gabriele stand neben ihm, das Köpfchen lauschend erhoben, den Blick wie in staunendem Sinnen geradeaus gerichtet.
»Nein,« sagte sie leise, »diese Gedanken sind mir noch nie gekommen. In Heringsdorf wurde nur gescherzt und gelacht, aber nicht philosophiert.«
»Dies ist keine Philosophie!« lächelte er, »im Gegenteil, hier spricht nicht der Verstand, sondern lediglich Herz und Gemüt, aber gerade die — ich glaube es wohl — kommen überall zu kurz, wo der Lärm der bunten Welt sein Recht behauptet!«
— Gundula trat herzu, und Guntram Krafft wandte sich, ihr den Arm zu bieten.
»Ich habe in dem Schuppen einen kleinen Auslug anbauen lassen, wo die Damen hinter sicheren Glasscheiben, gegen Zug und Wind geschützt, ausruhen können. Darf ich dich hinführen, Mutter?«
»Macht es Ihnen Freude, die ›Rettungsstation‹ meines Sohnes zu sehen, Gabriele?«