»Das Bestehen ihres Geschlechts? — Was haben die Bären mit Ihrer Familie zu tun, gnädigste Gräfin, und woher kommt es, daß die Hohen-Esp den seltsamen Namenszusatz: die ›Bären‹ von Hohen-Esp erhielten?«
»Wenn es Sie interessiert, so erzähle ich Ihnen gern unsere alte Familiensage, liebe Gabriele!«
Frau Gundula schob das Spinnrad der Genannten wieder zu und setzte ihr eigenes Rädlein abermals in surrende Bewegung, Guntram Krafft aber ließ mechanisch die Zeitung sinken und blickte wie in fragender Spannung zu dem jungen Mädchen hinüber.
»Und ob es mich interessiert, verehrte Frau Gräfin!« nickte Gabriele eifrig; »was könnte mir lieber sein, als wie mit der alten Welt, welche mich hier umgibt, recht vertraut zu werden! O, bitte, erzählen Sie! — Zu einem Spinnrad gehören seit jeher die Romanzen, wenn nicht die gesungenen, so doch die gesprochenen, und ich vermute, daß die Bärensage dieser Burg ein Stücklein jener poesievollen Ritter- und Heldenzeit ist, in welcher meine Gedanken so gern noch leben!« —
»Nun, so hören Sie, Gabriele! Und wenn Ihr Herzchen sich auch für die brave Bärin erwärmen kann, welche unserm Stammvater einst so große Dienste erwies, so bin ich überzeugt, daß die braunen Schutzpatrone dieser Burg all ihre schirmende Liebe auf Sie, die junge Gastin dieses Hauses, übertragen werden.«
Mit großen, forschenden Augen schaute das junge Mädchen auf, — ihr Blick hing an den Lippen der alten Dame, als ob sie, nur sie allein in dieser Halle anwesend sei, und Frau Gundulas Stimme klang tief und voll durch das leise, melodische Summen des Spinnrades:
»Unsere alte Familiensage ist anscheinend eine Nachbildung jenes phantastischen Ereignisses, welchem man die Entstehung Roms zu verdanken glaubt, — also weder neu noch originell, und doch aus jener grauen Vorzeit stammend, von welcher man wohl sicher annehmen kann, daß die Mär von Romulus und Remus ihr noch völlig fremd gewesen. Ein Beweis dafür, wie launig der Götterfunke Poesie um den Erdball blitzt und in Nord und Süd Flammen zündet, welche — durch eine halbe Welt getrennt — doch in geschwisterlicher Ähnlichkeit leuchten und ein und dasselbe Bild spiegeln, nur mit dem Unterschied, daß die rauhe, markige Wildheit der Deutschen sich die kraftvolle Bärin zur Amme eines ritterlichen Geschlechts wählte, während der kluge, geschmeidige und listige Römer die schlanke Wölfin dazu ausersah! — —
Eine Jahreszahl nennt unsere Wappensage nicht, sie greift weit, weit in die dämmernde Vergangenheit zurück und setzt da ein, wo die Grafen von Hohen-Esp bereits ein ritterliches und turnierfähiges Geschlecht, und als Schirmvögte bereits mit der Burg Hohen-Esp hierselbst belehnt waren. Da hebt sie an, von einer furchtbaren Seuche zu berichten, welche allerorts die Lande verödete und die Menschen dahinraffte wie Grashalme vor dem Messer des Schnitters. Auch hier an die Tore der Burg hatte die Pest mit knöchernem Finger geklopft.
Der Burgherr, seine edle Hausfrau, zwei Söhne und zwei Töchter starben in einer Nacht dahin, im Burgfried lag das Gesinde zu Haufen und hauchte sein Leben aus, und nur der Gräfin jüngstes, neugeborenes Söhnlein, eine alte Schwester des Hausherrn und die Amme des Kindes waren noch am Leben.
Da befahl das alte Fräulein in großer Angst und Sorge, daß die Amme mit dem Neugeborenen sich eilend aufmache und das Kind in das nahe Fischerdorf zu treuen Menschen bringe, welche es aufnehmen und warten sollten, bis daß der Würgeengel sei vorübergezogen in diesem Lande.