Ein Knappe stieg zu Roß, der Magd und dem Knäblein ein sicher Geleit zu geben. Da sie aber kaum eine halbe Stunde durch den Wald geflohen waren, kam den Mann die Todesschwäche an, er sank vom Roß und starb elendiglich am Wege.
Voll Angst und Grausen lief das Weib mit dem Kindlein in den finsteren Tann hinein, und kaum, daß sie das nahe Meer brausen hörte, sperrte ihr eine mächtige Bärin den Weg, stellte sich auf, hob dräuend die Pranken und brüllte aus blutigem Rachen.
Da wußte die Magd in ihrem Schrecken nicht, was sie tat, — sie warf das Kind, welches sie des kalten Windes wegen in einen warmen Fellsack gesteckt hatte, von sich und entfloh in sinnloser Furcht.
Sie kam in das Fischerdorf und verbarg sich in einer Hütte und wagte es nicht, von dem Ende des Kindleins zu berichten. Die Zeit verging, und eines Tages kam plötzlich das totgeglaubte alte Burgfräulein in das Dorf, erforschte die Magd, trat vor sie und forderte das Kind.
Die Ungetreue sank wehklagend in die Knie und beichtete von dem Tod des Knappen und dem Überfall des Bären, und daß sie bei der Flucht das Knäblein habe aus dem Fellsack verloren.
Ein großes Wehklagen erhob sich, und das Fräulein rief die Fischer und sprach: ›Lasset uns im Tann suchen! Die Heiligen im Himmel haben meine Gebete für das Kind erhört, so es ihr gnädiger Wille gewesen, erretteten sie es aus dem Rachen des Bären!‹
Die Fischer schüttelten zwar die Köpfe und meinten, das sei vor eines Mondes Länge geschehen und wohl kein Knöchelchen von dem jungen Grafenkind mehr zu finden; aber sie bewaffneten sich und gingen in den Wald.
Und als sie an die Stelle kamen, welche die Magd beschrieben, hörten sie ein gewaltiges Brummen als wie von einem Bären, und als sie durch das Dickicht herzuschlichen, sahen sie ein leibhaftiges Wunder. Da lag die Bärin im Moose ausgestreckt, und an ihr das noch in das Fell gewickelte Knäblein, welches sie säugte.
Sie lockten das Untier mit Geschrei heraus, und ein Beherzter sprang herzu und ergriff das Kind. — Das war lebend und gesund, stark und bärenkräftig, und solche Kunde drang bis zu dem Fürsten des Landes.
Der lachte der absonderlichen Mär, ließ das Knäblein vor sich bringen, wiegte es auf den Armen und lobte Gott: