›Ei, du Gräflein von Hohen-Esp, so dich Bärenblut gesäuget hat, so wirst du stark und kühn werden, und man wird dich hinfort ›den Bären von Hohen-Esp‹ heißen.‹
So sprach er und gab ihm den neuen Namen und den Bären in das Wappenschild, zur Erinnerung an das Gotteswunder, welches sich an dem Kind begeben.« —
Frau Gundula unterbrach sich und ließ momentan die fleißigen Hände ruhen; ihr Blick schweifte voll stolzer Zärtlichkeit nach dem Sohn hinüber und umfaßte seine hohe, markige Gestalt, dann zog sie abermals den feinen Faden aus dem Flachs und lächelte. — »Und nun gehen Sie hinauf in den Saal, Gabriele, und sehen Sie sich einmal das Bärengeschlecht an! Es ist wirklich ganz auffällig, wie die Bärenamme ihm ihren Stempel aufgedrückt hat! So hoch und kraftvoll gewachsen, so bärenhaft fest und trutzig ist kein zweites. — Die eckige Stirn und die große Gutmütigkeit haben die Hohen-Esp sicher von den Bären geerbt, vor allen Dingen aber das mutige und kühne Drauf- und Drangehen in Kampf und Gefahr, die Furchtlosigkeit, wenn es gilt, einen Feind zu packen, die zähe Ausdauer im Ringen mit dem Gegner, gleichviel ob derselbe aus Fleisch und Blut oder als Sturm und hohe Flut zum Gang auf Leben und Tod herausfordert!«
Gabriele hatte bisher nur Augen und Ohren für die Sprecherin gehabt, den schlanken, blonden Mann in dem Rittersessel vor dem Kamin schien sie völlig vergessen zu haben.
Jetzt plötzlich hob sie das Haupt, und ihr Blick traf Guntram Krafft.
Auge ruhte in Auge.
Wie wunderlich sah sie ihn an.
So groß, so forschend, so nachdenklich ... und doch brannte es wie ein geheimer Vorwurf in ihrem Auge, wie ein scharfer, ungestümer Widerspruch, welcher verächtlich sagt —: »nein! du irrst, Frau Gundula! Nicht alle Grafen von Hohen-Esp sogen Kraft, Mut und Kühnheit aus der Bärenmilch! — Hier, dieser letzte seines Geschlechts, ist entartet ganz und gar! — Er ist kein Held! er imponiert mir nicht! und darum werde ich nun und nimmer diesen ruhm- und tatenlosen Mann freien!« — Sprach es nicht so aus ihrem Blick? aus den großen, wundersam ernsten Augen?
Guntram Krafft hört und versteht nichts mehr als diese erbarmungslosen Worte, sein Vorurteil ist zu groß ... sein Blick ist verschleiert, er glaubt nicht mehr an das Glück und vermutet es nirgends.
Wieder steigt es heiß empor in Stirn und Schläfen, er senkt finster den Blick und begreift es nicht, daß er soeben noch sich ihres Interesses an seiner Familie gefreut.