»Den sehe ich nicht. — Ich habe eine Vision. Vor mir wachsen die geheimnisvollen, glutroten Korallen aus der Tiefe des Wassers, sie breiten ihr mystisches Geäste aus über den Himmel, sie flechten ein Netz durch Luft und Wolken, ein Netz von blutfarbenen Zweigen, an welchem weiße Perlen schimmern. Über sie hin weht es wie lichte Schemen ... duftig ... wesenlos ... grau verhauchend, sie breiten violette Schwingen aus ... die reichen von einem Ende des Himmels bis zu dem andern ... sehen Sie dort? — da tauchten sie hinab in die grelle Feuerbrunst, die wabernde Lohe, welche hinter den Wolkenbergen lodert und ihre Blitzfunken weit empor gegen das Firmament wirft! Sehen Sie, wie die Farben kommen und gehen? In grellem Schein das grausame Schwefelgelb, welches dem Lächeln eines unbarmherzigen Weibes gleicht ... und das kranke Grün, das irisierende Weiß des Opals ... das süße, schmeichelnde Rosa ... einen Kuß, welchen Engelslippen auf eine Perlmuttermuschel hauchten! — Dort schießen mächtige Lilien empor ... wie Phantome ... ein Glorienschein umgibt sie ... riesenhafte Schmetterlinge umgaukeln sie ... und darüber wölbt sich eine Kirchenkuppel, an welcher grelle Rubine wie zornige Augen sprühen! — Sie stürzt zusammen, und nun schlägt eine ungeheure Flamme empor ... Sie wähnen, daß es die Sonne ist? Nein! Es ist das Stück eines Weltenbrandes, der entscheidende Augenblick im wilden Kampf der Titanen! Das Goldgeglitzer auf dem Wasser sind keine Wellen, es sind die goldenen Schuppenringe der Midgardschlange, welche sich schillernd windet und auf- und niederrollt, welche in zitternden Windungen durch das Weltmeer schießt und mit breitem, scharfgezähntem Rachen dem Feuermeer am Horizont entgegenbäumt! Sehen Sie, wie die Gewaltige den Glutenball verschlingt? — Mehr und mehr verschwindet er — und die roten Korallen erbleichen und sinken zusammen ... die weißen Lilien brechen wie stumme Klagen nieder ... die Schmetterlinge zerstieben und treiben wie müde, kleine Wolkenflocken in der Unendlichkeit ... aus dem Meere aber steigt ein wunderholdes Weib mit kristallenen Nixenaugen und windzerzaustem Kraushaar, — die hebt mit müdem, strengem Lächeln einen grauen Schleier und breitet ihn über Himmel und Erde, über die Augen des fiebernden Mannes, der solch wunderliche Träume hat, und sie sagt: ›Wach auf! Es ist Zeit, heimzukehren, die Sonne ging unter!‹«

Guntram Krafft schwieg, er sah Gabriele an und lachte plötzlich leise auf:

»Und solch närrisches Zeug denkt ein großer, vernünftiger Mensch bei dem Anblick eines Abendhimmels!«

Sie saß ihm gegenüber, die Blicke groß und sinnend auf ihn gerichtet. Unverwandt, wie in staunender Frage.

»Sie sind ein Dichter, Graf Hohen-Esp!«

»Wohl möglich, — ich weiß es nur nicht.«

Der Wind erhob sich stärker, das Boot stieg hoch auf und schoß tief hinab in grünglasigem Wassergebirge.

»Sie sehen so blaß aus, Fräulein Gabriele, frieren Sie?« —

Sie nickt. »Der Wind ist kalt, lassen Sie uns umkehren.«

Er griff hinter sich nach einem Lodenmantel, welcher auf der Bank lag, und reichte ihn zu ihr hinüber.