War's ein Traum?

Wie oft hatte er es sich voll leidenschaftlicher Sehnsucht gewünscht, so allein — so weltfern und einsam mit der Heißgeliebten auf der wogenden Unendlichkeit des Meeres zu treiben, und nun war es geschehen, nun saß sie ihm nahe — ganz nahe gegenüber, die zauberischen Nixenaugen so oft mit langem Blick auf ihn gerichtet, das lockige Haar vom Wind verweht, das reizende Antlitz so träumerisch und ernst ihm zugekehrt. —

Damals, als er die Mannschaft der »Sophie Johanne« rettete, donnerte die See und heulte der Sturm, aber in seiner Brust war es still wie im Grab; und heute saust es nur linde und sacht in den Lüften, aber in seinem Herzen brandet wilde Flut, schlimmer und todbringender wie jene, welche er damals so heldenhaft bezwungen!

Und dieser soll er erliegen?

Er atmet schwer auf, streicht langsam über die Stirn und lauscht ihrer Stimme wie im Traum.

»Ihre Frau Mutter sagte mir: ein Sonnenuntergang sei ein verkörpertes, oder besser gesagt, ein gemaltes Gedicht! Ist das auch Ihre Ansicht? Ich sehe sehr viel Schönes, Glänzendes, Farbenprächtiges vor mir, aber seinen poetischen Sinn fasse ich nicht. Meine Phantasie ist wohl noch nicht aus dem tiefen Schlaf erwacht, in welchem sie inmitten alles Großstadtstaubes gelegen! Sie haben jüngst am Strande das schlafende Dornröschen schon einmal geweckt, Graf, tuen Sie es auch heute! Lehren Sie mich mit Ihren Augen sehen! — Was bedeutet für Sie solch ein Sonnenuntergang?« —

Er schiebt den Hut weiter aus der Stirn zurück, seine großen Blauaugen bekommen einen weichen, träumerischen Glanz, sein Blick schweift weit hinaus.

»Er bedeutet für mich einen Traum — er bezwingt mich wie das Opium seinen Raucher, alles logische Denken, alle Wirklichkeit versinkt in wallenden Nebeln — und alles Unorganische beginnt zu leben. — Wir Seeleute berauschen uns an der Einsamkeit, die heilige, erhabene Ruhe um uns her wirkt wie eine Narkose — die leise Musik des Windes, das Rauschen der Wogen, das Flüstern des Riedgrases, melancholischer Möwenschrei und das Rieseln des Sandes sind in wundersamem Gemisch ein Schlummerlied, welches uns einlullt und die Welt des Realen vor unsern Blicken verwischt. — Hier und da der grelle Blitz einer Welle, welchen die Sonne trifft — ein frischer Lufthauch, welcher die Stirn kühlt ... und man träumt — träumt wie ein Fiebernder, um dessen Lager giftige Blüten welken ...«

»Vom Sonnenuntergang?«