»Ja, er starb früh, — an der Schwelle des Lebens. Er kannte weder Glück noch Liebe — und doch wäre er wohl auch so gern glücklich gewesen!«
Auch glücklich gewesen! —
Klang das nicht wie ein geheimer, leidenschaftlicher Seufzer der Sehnsucht?
Gabriele antwortet nicht, sie neigt das Haupt nur tiefer.
»Ich danke Ihnen in dem Namen jenes Armen, Einsamen —«, fährt der Graf sehr ruhig fort, »dessen Sie so barmherzig gedachten. Mir ist's, als müßte er jetzt ruhiger in der Gruft drunten schlafen, als müßte er nun versöhnter mit seinem inhaltlosen Leben sein.«
»Ein inhaltloses Leben, wenn ein Mann dieses Leben dahingab für die Brüder?«
»Er tat seine Pflicht!«
»Er tat mehr denn sie!«
Ein beinahe düsterer Blick brach aus Guntram Kraffts Augen.
»Wohl doch nicht in Ihrem Sinne, Fräulein Gabriele; er zog weder in den Krieg, noch konnte er große Taten für sein Vaterland tun! Der liebe Herrgott im Himmel, welcher auch das geringste Streben nach treuer Rechtlichkeit in seinem Dienst anerkennt, war wohl zufrieden mit ihm, die Welt aber hat den einsamen Mann auf Hohen-Esp kaum gekannt, noch anerkannt! Sein Name ist in keinem Heldenbuch verzeichnet, sein Andenken wird weder durch Wort noch Lied geehrt, — jene Stelle, wo die tosende Flut einen Jüngling verschlang, welcher einem gefährdeten Schiff Rettung bringen wollte, ist durch keine Spur gezeichnet, die Wogen rollen darüber hin und der Wind verweht die Kunde. — Das Schicksal der Hohen-Esp! Mit weißen Totenblumen schmückt eine mitleidige Mädchenhand nach Jahrhunderten wohl noch unser Bild und Grab, — mit Lorbeerzweigen nicht.« —