Zur Überzeugung ist es ihr freilich noch nicht geworden, sie hat von Guntram Kraffts mutigen Taten gehört, ohne sich eine rechte Vorstellung davon machen zu können, ohne sie mit eigenen Augen geschaut zu haben.
Ach, daß sie es einmal, nur einmal tun könnte!
Wie eine heiße, leidenschaftliche Sehnsucht überkommt es sie, gerade von ihm, von Guntram Krafft überzeugt zu werden, daß sie ihm ehemals in der Residenz bitteres Unrecht getan!
Seine Persönlichkeit ist ihr so gänzlich verändert hier in Hohen-Esp entgegengetreten, ein Zug wundersamer Romantik verklärt sie, — der Bär von Hohen-Esp, der Schirmvogt der Notleidenden hat ihr Interesse aufs lebhafteste geweckt, eine einzige kühne, mutige Tat, so wie sie für diese reckenhafte und poesievolle Seemannsgestalt paßt — und das Interesse wird lodernde Leidenschaft, und die Leidenschaft wird Liebe, — Liebe, welche getreu ist bis in den Tod! —
Wehe ihr, wenn es geschähe!
Ehedem lachte ihr das Auge Guntram Kraffts voll ehrlichen Entzückens entgegen, jetzt blickt er ernst und gleichgültig über sie hinweg.
Warum das? —
Weil der Bär von Hohen-Esp zu stolz ist, um ein Weib zu werben, welches ehemals seine Annäherung so schroff und beleidigend zurückgewiesen hat, wie sie. —
Gabriele senkt das Köpfchen tief, tief zur Brust, schlingt die Hände ineinander und schreitet langsam die Stufen des Altars hinab, der Gräfin entgegen, welche die Kapelle betreten hat, den Brautzug in ihrem hohen Kirchenstuhl seitlich des Traualtars zu erwarten.
Gundula nimmt die kalte, bebende Hand des jungen Mädchens in die ihre, streift mit einem warmen Blick inniger Bewunderung die liebreizende Erscheinung ihrer jungen Gastin und tritt mit ihr nach dem erhöhten Sitz, — die Orgelklänge ertönen, und mit dem golden durch die Tür hereinflutenden Sonnenlicht erscheint das Brautpaar in der Kapelle.