Niemand bemerkte es, nur Guntram Krafft und Gabriele schauten auf — und ihr Blick traf sich plötzlich, — sie sahen einander in die Augen. Da zog eine heiße Purpurglut über die Wangen des jungen Mädchens; sie blickte verwirrt zu Boden und neigte das Köpfchen noch tiefer wie zuvor.
In der kleinen Dorfschänke, welche über den einzigen Raum verfügte, in welchem ein bescheidenes Fest abgehalten werden konnte, hatte der Graf von Hohen-Esp den Hochzeitsschmaus für seinen Jugendgespielen herrichten lassen.
Hier in dem niedrigen, verräucherten Saal, an dessen Deckbalken das Haupt des hochgewachsenen Bären beinahe anstieß, feierten die Fischer »Kaisers Geburtstag«, »Sedan«, Hochzeiten und Kindtaufen, hier saßen sie Sonntags und rauchten ihre Pfeifen beim Glase Bier, hier versammelten sie sich, wenn es Außergewöhnliches zu besprechen gab, oder wenn ein Sohn, Vetter, Bruder oder Onkel nach langer Seefahrt heimkehrte und von viel schweren oder glücklichen Fahrten zu erzählen hatte.
Als einziger Schmuck hing das Bild eines lang verstorbenen Landesfürsten, sowie das Kaiser Wilhelms des Großen an der Wand, darum her vergilbte Stiche und gewöhnliche Kreidezeichnungen von Schiffen, mit welchen Dorfbewohner als Matrosen oder Kapitäne gefahren, und über der Tür, ganz nach gutem alten Brauch, der fliegende Holländer mit käseweißem Gesicht, schwarzem Bart und großem Fischerhut, welcher starren Auges auf den Beschauer herabsieht, und unter welchem der Spruch steht —: »Gott gnade dem Mann auf stürmischem Meer — geht ihm der flyende Dutschman die Quer!«
Auf den wurmstichigen, uralten Schränken liegen große Korallen und fremdartige Muscheln, steht eine chinesische Vase, der der eine Henkel fehlt, und ein paar grellbunte, furchtbar fratzenhafte Götzenbilder, vor welchen sich die Kleinen im Dorf über die Maßen »grugeln«! —
In großen Glashäfen sind seltene Fische aus dem Südmeer, Schildkröten und Seeteufel in Spiritus aufbewahrt, eine kleine, sehr giftige Herrgottsschlange befindet sich auch in einer Flasche, und von ihr herüber bis zu der Vase ziehen sich Schnüre von getrockneten Seesternen und fremdartigen Tangs, welche irgendein Angehöriger des Schankwirts aus fernen Zonen heimgebracht.
Ehemals lebte der schöne große Papagei und ergötzte die Gäste durch sein erstaunliches Geschwätz, jetzt ist er ausgestopft und sitzt recht verstaubt und struppig auf einem Baumast an der Ofenwand.
Heute ist eine lange, lange Tafel inmitten des Saales aufgestellt, mit groben weißen Tüchern belegt und durch Tannengrün und Blumensträuße ganz besonders feierlich geschmückt.
Teller von jeder Art und Sorte sind aufgestellt, Napfkuchen duften schon jetzt sehr locker und festlich von des Tisches Mitte, und seitwärts lagert ein großes Faß Bier, auf welches mit Kreide »Vivat« geschrieben ist, und von den eben ankommenden Fischern mit schmunzelndem Entzücken zuerst besichtigt wird.