Kinder mit Blütenzweigen oder bunten Sträußchen in der Hand, drängen sich scheu an die Mütter, — alte, wetterharte Seeleute mit dem Priemchen zwischen Zahn und Backe und dem Tonpfeifchen in der Rocktasche, folgen langsam im Zug, und dann schließt sich das Gesinde von Hohen-Esp an, alle so strahlend heiter und festfreudig gestimmt, als gehe Mike und Jöschens Glück sie alle an, als sei diese Hochzeit ihr aller Ehrentag, von welchem ein warmer Sonnenstrahl in jedermanns Herz fällt. —

Zuerst wurde gesungen, sehr lange und viel gesungen, wie es die Sitte verlangte, und Guntram Kraffts Stimme klang fest und laut hervor, ebenso wie Gundulas weicher Alt und die helle, schmetternde Stimme der noch sehr stattlichen Brautmutter.

Gabriele hatte gesehen, daß der Graf ihr just an der andern Seite von dem jungen Paar gegenüberstand, sie fühlte auch, daß sein Blick beinahe unverwandt auf ihr ruhte, aber sie schaute nicht auf, sie sang leise, kaum vernehmlich die Worte des Chorals mit, nur ihre Lippen regten sich.

Der Pastor trat vor den Altar, sprach in schlichter, sinniger Weise viel schöne und herzbewegende Worte, und wandte sich ganz besonders an Mike, sie auf die schweren Pflichten der Seemannsfrau aufmerksam machend. Wie treu, wie selbstlos, wie aufopfernd muß das brave Weib eines Fischers sein, wie wenig an sich selbst und das eigene Glück denken, wie tapfer und mutig den Herzliebsten in Sturm und Gefahr hinausschicken, wenn es gilt, fremder Not und gefährdeten Menschenleben zu Hilfe zu kommen! Gerade in solchen Stunden höchster Angst und Gefahr müßte sich die wahre Liebe eines treuen Weibes bewähren, nicht durch stumpfes »Dreinergeben«, nicht allein durch Handreichungen und kräftige Hilfe, sondern vor allen Dingen durch Gebet und Fürbitte, welche den Geliebten auf seiner schweren Fahrt durch Sturm und Wogen begleiten.

Da ist kein besseres Steuer, als die inbrünstige Bitte zu Gott dem Herrn, da ist kein sicheres Segel, als das Flehen eines liebenden Herzens zum Himmel! Solch ein Steuer bricht nicht, solch ein Segel reißt nicht! — Die Hände, welche ein treues Weib im Gebet zu dem Herrn der Welten erhebt, sind der Talisman, welcher den Seefahrer auch in höchster Not beschirmt, sie sind der Felsen, an welchem die verderbenden Wogen zerschellen und des Sturmes Macht sich bricht. »Darum leget eure Lebensschifflein an den einzigen Anker, welcher noch nie versagt und im Stich gelassen hat, den Anker fester und freudiger Zuversicht auf Gottes Gnade, den Anker treuen Glaubens an seine Barmherzigkeit, den Anker frommer Ergebung in seinen Willen ... wenn derselbe uns auch andere Wege führt, als wie wir gehen wollen!«

Mike blickte dem Pastor mit ihren großen, treuherzigen Augen aufmerksam in das gütige Antlitz, und sie nickte ihm zustimmend und so recht von Herzen überzeugt zu, und Jöschen machte auch hier und da eine unwillkürliche Bewegung, als wolle er versichern: »Jawoll, Herr Pastur, dat wollen wi allens so maken!«

Und dann knieten sie nieder und wurden gesegnet, und der Prediger nahm die Ringe und steckte sie ihnen an.

Da raschelte es leise an dem Steinpfeiler. Ein Blütenzweig löste sich von Wulffhardts Bild und fiel nieder auf das morsche Ruder.