Und sie neigte sich, anscheinend sehr vertieft, über das geöffnete Schubfach, aber ihre Hände ruhten still im Schoß, und ihre Augen blickten voll lebhafter Spannung nach dem Flügel, auf welchem Gabriele zögernd ein Notenheft aufstellte.

Was wird sie singen?

Die Bärin von Hohen-Esp war eine gar gründliche Menschenkennerin, und was Gabriele im tiefsten Herzensgrund für Guntram Krafft empfand, das mußte jetzt als Sang und Klang von ihren Lippen strömen.

»Soll ich die Arie aus dem ›Fliegenden Holländer‹ probieren?« fragte sie zögernd, mit jähem Erröten; »ich studierte sie vor Jahren bei meiner Lehrerin, sang sie aber nicht oft.«

»Und warum nicht?« —

»Sie war mir damals so unverständlich, — ich kannte weder See noch Sturm ...«

»Noch einen armen, einsamen Seemann! O, wie freue ich mich gerade auf diese Arie!«

Und Gabriele sang, erst zaghaft, leise, unsicher, dann immer voller, erregter und inniger, bis ihr ganzes Herz durch die Töne zitterte in dem leidenschaftlichen Empfinden: »— betet zum Himmel! —«

Gundulas Haupt sank tiefer und tiefer zur Brust, immer glänzender ward ihr Blick, immer freudiger das geheimnisvolle Lächeln um ihre Lippen ...

Und Gabriele durchblätterte mit glühenden Wangen die Noten —