»Vielleicht ist er zu feige und freut sich, daß er daheimbleiben kann!« — rief Gabriele von Sprendlingen, das reizendste Backfischchen, welches die Residenz aufweisen konnte, abermals: »Hätte er Courage, würde er sich das idealste Glück eines Mannes, Soldat zu werden, unter allen Umständen erzwungen haben!«

»Feige? Nein, das ist er wohl nicht!« schüttelte ihre Freundin Trautchen gutmütig den hellblonden Kopf, »denk doch, er wagt sich bei Sturm und Wetter auf die See hinaus!«

Gabriele lachte spöttisch und rümpfte die entzückende kleine Nase: »Die See schießt nicht mit Kugeln! Bah! Was will es heißen, sich auf die See zu wagen?! Gar nichts! Kippt das Boot um, so schwimmt man! Wie weit fährt denn der Herr Graf? — Sicher nicht zehn Schritt entfernt vom Ufer weg! Auf den Ozean hinaus ist er noch nie gelangt, und die Schiff- und Bootfahrt an der Küste stellt überhaupt keine Anforderungen an den Mut eines Mannes!« —

»Aber Gabriele! Das kann ich mir nicht denken — —«

»So? Wirklich nicht? O, du kleines, schneeweißes Lämmchen, was hat denn das Wasser für eine Gefahr, wenn es nicht tief ist?« — und die Sprecherin schüttelte die krauslockigen, lichtbraunen Haare aus der Stirn und machte ein geradezu verächtliches Gesichtchen: »Ein Mann, der nicht Soldat ist, nicht für Fürst und Vaterland kämpft, kann mir niemals imponieren; und Graf Guntram Krafft ist kein kühner, stolzer Bär, wie seine Vorfahren, sondern ein ganz lappiger Waschbär! — Er sollte nur einmal meinen Weg kreuzen, ich wollte es ihm schon zeigen, wie ich über ihn denke!«

Und Gabrieles Augen, die wundersam hellen, schillernden Nixenaugen, blitzten gar trotzig in dem süßen Gesicht, und sie wiederholte nachdrücklich: »Glaub' mir's! Ich würde es ihm zeigen!« —

»Das würde ihn aber doch sehr kränken?« warf Trautchen schüchtern ein, und das Mitleid glänzte in ihrem Blick.

»Um so besser, wenn es ihn kränkt!« brauste Gabriele ungestüm auf und kehrte alle Würde ihrer fünfzehn Jahre heraus. »Wie soll denn so ein verwöhnter Mamajunge anders merken, daß er ein Waschlappen ist, wenn wir Weiber es ihm nicht markieren? Wie sollte unser Kaiser noch Helden in seine Armee bekommen, wenn wir nicht die Männer zu Heldentaten begeisterten und anspornten? — Mein Vater sagt stets, ich sei eine gute Soldatentochter und ein famoses deutsches Mädel, welches genau weiß, was es Fürst und Vaterland schuldet! Einen Helden zum Vater! Einen Helden zum Gatten, und mehrere Helden als Söhne!«

»Bravo! Die Steigerung war gut!« lachte die schwarzlockige kleine Gräfin Sevarille und verzog dabei das Mündchen etwas ironisch, »solche Dinge klingen in der Theorie ganz poetisch und schön, aber in der Praxis kommt die Sache doch oft anders! Wenn zum Beispiel der geschmähte Waschbär hier auftauchte, als schöner Mann und reicher Erbe, und er machte dir eine Liebeserklärung, Gabriele, du pustetest auf alle Heldenherrlichkeiten in deines angebeteten Kaisers großer Armee und heiratetest den tatenlosen Gutsbesitzer, ohne dich zu besinnen!«