Guntram Krafft stand noch so völlig unter dem Eindruck des Gehörten, daß er regungslos verharrte und zur Bühne hinabstarrte, als könne sein scharfes Auge die neidische Hülle durchdringen.

Erst der tosende Beifall des Hauses ließ ihn betroffen aufschauen, und als er das Haupt wandte und sein Blick mechanisch die gegenüberliegende Loge streifte, zuckte er plötzlich zusammen, und auf sein erst so frei und edel blickendes Antlitz trat wieder der Zug beinahe scheuen Entzückens, mit welchem er schon einmal in die Augen seiner Unbekannten gestarrt!

War es Spuk und Zauber?

Da glänzten ihm plötzlich die klaren Nixenaugen wieder entgegen, da schimmerte das lockige Haar unverhüllt über der Stirn, und weiße, flaumige Spitzen rieselten wie Wasserschaum um den schlanken Hals.

Der Graf hatte das Empfinden, als müsse er mit jubelnder Bewegung zu ihr hinübergrüßen, aber er wagt es nicht, er sieht aus wie aus Stein gemeißelt, und nur sein ehrliches Kinderauge spiegelt all sein Entzücken über dies unverhoffte Wiedersehen.

Die ältere Dame hebt die Lorgnette und sieht ungeniert zu ihm herüber, und um die Lippen seiner Meerfei spielt ein schnelles Lächeln.

Sie sieht ihn an, groß und gelassen, und dann schaut sie an ihm vorüber und nickt Komtesse Thea an seiner Seite zu, — die Offiziere in der Loge und deren Damen tauschen ebenfalls Grüße herüber und hinüber, und einer der Herren sagt laut und lebhaft: »Ah scharmant! Da ist ja Fräulein von Sprendlingen wieder zur Stelle! Es ging auch wahrlich nicht länger ohne sie, man ist so sehr an ihre reizende Erscheinung gewöhnt, daß der Ballsaal nicht komplett schien, wenn sie fehlte!«

»War Ihre Freundin Gabriele verreist, Komtesse?«

»Ja, Exzellenz! Sie war fahnenflüchtig! Hat ihre Tante Grüdner, die Hofmarschallin am Hofe zu X., anläßlich deren Silberhochzeit besucht!«