Wer das wollte, durfte nicht vielen Bedenklichkeiten über die Wahl der Mittel Gehör geben: und Alles, was in der Zeit vorging, hätte auch wol einen Mann von strengerer Sittlichkeit, als Macchiavelli, verleiten können, sich über das Gefühl der Menschlichkeit, die gewissenhafte Redlichkeit und die Scheu vor moralischen Geboten wegzusetzen, um einen großen Plan zum Besten des Volks auszuführen. Auch ein solcher hätte wol sagen können: es muß einmal regiert werden, damit das Volk der Erfüllung seiner eignen Wünsche theilhaft und glücklich werden könne; welches Letztere wieder in Macchiavelli’s und seiner Zeitgenossen Sinne nichts Anderes heißt, als politische Leidenschaften befriedigen. Da sich aber die Völker nicht demjenigen unterwerfen, der durch sittliche Vorzüge über sie hervorragt, und durch diese verdiente zu regieren, so möge denn derjenige, der zu herrschen versteht und die Herrschaft zu ergreifen vermag, sich derselben auf jedem Wege bemächtigen, auf dem man zu ihr gelangt.
Die Geschichte der Zeit enthält nichts als Mord, Treulosigkeit, Verrätherei, Gewaltthätigkeit durch gedungene Streiter. Was zur Herrschaft führt, ist gut: so der allgemeine Wahlspruch. Jeder erlaubte sich Alles, was den Weg dazu bahnen konnte: Alle aber verfehlten ihren Zweck, weil sie nicht Einsicht genug hatten, die rechten Mittel zu wählen, und weil es ihnen in der gefährlichen Unternehmung an der Selbstbeherrschung fehlte, die dem Mächtigen so schwer wird, und doch so nöthig ist, zu verfolgen. So ging jeder Gewalthaber zu Grunde, die ganze Nation ward eine Beute fremder Eroberer. Macchiavelli sah, daß der neue Herzog von Urbino denselben Weg betreten würde, auf dem so Viele vor ihm verunglückt waren. Wenn denn Niemand Anstand nimmt, Verbrechen zu begehen, wodurch er zur Herrschaft zu gelangen hofft, so begeht, ruft Macchiavelli [pg 24]dem zu, der danach strebt, so begeht Eure Unthaten doch nur so, daß sie auch wirklich zum Zwecke führen.
Die Lehren, welche Macchiavelli hierzu ertheilt, haben den eigenthümlichen Charakter, der Alles auszeichnet, was aus dem wirklichen Leben geschöpft ist. Sie sind nicht bloße Erzeugnisse des Nachdenkens, Resultate allgemeiner Beobachtungen. Sie haben die ergreifende Wahrheit der Gemälde, dergleichen das überlegenste Talent nicht hervorbringt, ohne durch wirkliche Anschauung belebt zu sein. Man hatte in Italien oft genug gewaltige Menschen auftreten sehen, die sich in dem leidenschaftlichen Streben nach der Herrschaft über jede Beschränkung durch Gesetz, sittliches Gefühl und menschliche Empfindung gänzlich wegsetzten. Aber keiner von ihnen hatte das Maß des Verstandes besessen, ohne den die Immoralität sich selbst zu Grunde richtet. In Cäsar Borgia, mit dem Macchiavelli durch Verhandlungen über die Angelegenheiten seines Vaterlandes in genaue Verbindung gerathen war, glaubte er das vollendete Ideal eines Mannes zu erkennen, der das wirklich leisten könnte, wonach so Viele vergeblich gestrebt hatten. Von dieser Vorstellung war er ergriffen. Alles, was er über die Gesinnungen und Talente geschrieben hat, die zur Befriedigung der Herrschsucht führen können, ist durch das Bild von jenem Unholde, der durch die Schärfe des Verstandes und Entschlossenheit des Geistes andern eben so schlechten Menschen so sehr überlegen war, beseelt.
Lorenzo von Medici war nicht der Mann, etwas Aehnliches zu leisten. Er konnte wol durch den Einfluß seines Oheims, des Papstes Leo, Herzog von Urbino werden, aber nicht Herr von Florenz, noch weniger Haupt eines italienischen Bundes. Hat Macchiavelli ihn nicht genug gekannt? Oder hat er ihm den Rath, sich zur Herrschaft emporzuschwingen, vielleicht so gegeben, wie er selbst im dritten Buche seiner Discurse im fünfunddreißigsten Kapitel sagt, daß man den Großen rathen müsse? „Diejenigen,“ heißt es hier, „welche einer Republik oder auch einem Fürsten rathen, kommen in ein Gedränge, indem sie ihre Pflicht verletzen, wenn sie nicht ohne alle andere Rücksicht den Rath ertheilen, der ihnen für den Staat oder den Fürsten der [pg 25]nützlichste scheint; so oft sie aber wirklich solche Rathschläge angeben, Gefahr laufen, das Leben oder doch ihre Stelle zu verlieren: weil alle Menschen doch darin blind sind, daß sie jeden guten oder schlechten Anschlag nur nach dem Ausgange beurteilen. Ich sehe keinen andern Ausweg, als seine Meinung ohne Leidenschaft und mit Mäßigung vorzutragen, so daß der Fürst, wenn er sie befolgt, seinen eignen Willen zu thun glaube, und daß er nicht vom Rathgeber mit Ungestüm verleitet zu werden scheine. Wenn du auf diese Art deinen Rath ertheilt hast, so ist es nicht wahrscheinlich, daß Volk oder Fürst dir übel wollen werden, da dein Rath nicht gegen den Willen Andrer durchgesetzt worden. Die Gefahr entsteht, wenn Viele widersprechen, die, wenn die Sache übel ausfällt, sich vereinigen, den Rathgeber zu stürzen. Bei jenem Verfahren geht freilich der Ruhm verloren, der einzuernten ist, wenn man Rathschläge gegen den Willen Vieler durchsetzt, und die Sache gut ausfällt: aber dagegen entstehen zwei Vortheile. Erstens wird die Gefahr vermieden, und zweitens kannst du große Ehre einlegen, wenn du einen Rath mit Mäßigung ertheilst, derselbe nicht befolgt wird wegen des erhobenen Widerspruchs und der Rathschläge Andrer, und alsdann großes Ungemach entsteht.“
Hat Macchiavelli vielleicht seine Anschläge, zur Herrschaft zu gelangen, dem Lorenzo von Medici in diesem Sinne gegeben? Hatte derselbe Verstand genug, sie ganz zu fassen, Urtheil genug, sie richtig anzuwenden, Dreistigkeit und Beharrlichkeit, sie auszuüben – gelang Alles: gut, so verdankte er seine Größe dem Unterrichte, und der Rathgeber konnte auf alle Belohnungen Anspruch machen, die einen solchen Dienst bekrönen. Fehlte es in irgend einem Stücke, so fiel Lorenzo durch seine eigne Schuld. Er hatte nicht recht begriffen, nicht recht angewandt, oder die Ausführung war unvollkommen gewesen. Warum unternahm er ein so schweres Werk, dem er nicht gewachsen war, und dessen ganze Schwierigkeit Macchiavelli ihm selbst so lebendig vor Augen gestellt hatte? Diesem blieb alsdann immer noch übrig es zu machen, wie der Graf von Shaftesbury, der dem Könige Karl dem Zweiten Rathschläge gab, die die [pg 26]Freiheit der englischen Nation untergruben, und darauf selbst diesen übermüthigen, leichtsinnigen und dennoch hinterlistigen Fürsten, da er seine Sache verdorben hatte, im Parlamente wegen jener Verräthereien gegen die Nation anklagte.
Warum hätte Macchiavelli Bedenken tragen sollen, selbst mit einem Fürsten eben so umzugehen, wie er diesen lehrt, andre Menschen zu behandeln, die ihm zu Werkzeugen dienen? Wir haben keinen Timoleon vor uns, keinen Junius Brutus, keinen Hampden, keinen Wilhelm Tell: sondern den verschmitzten Unterhändler am französischen Hofe, Freund des Tyrannen von Siena, Verehrer des Königs aller Teufel seiner Zeit, des Cäsar Borgia. Der Staatsmann muß auch mit solchen Menschen umzugehen wissen. Er muß sich darauf verstehen, sie zu behandeln; er muß seine Gefühle in sich verschließen können, um unvermeidliche Verhältnisse mit ihnen zu benutzen, oder doch unschädlich zu machen. Aber das unaufhörliche Treiben in solchen Verbindungen ist stets gefährlich. Es ist sehr schwer, dabei sein eignes Gemüth unbefleckt zu erhalten. Die Gewohnheit, seine Empfindungen zu verläugnen, stumpft sie ab. Man vergißt am Ende die natürlichsten Gesichtspunkte, die einfachsten Wahrheiten, und wird durch die Kunstgriffe seines eignen Verstandes aus seinem wahren Charakter herausgeworfen: man weiß selbst nicht, wie.
Ein Werk, wie das Buch vom Fürsten, einem großen Herrn vorzulegen, und es von sich bekannt werden zu lassen, daß man solche Rathschläge gebe, war ein gewagtes Stück. Aber Macchiavelli überließ sich der politischen Intrigue mit vollkommner Zuversicht zu sich selbst. Er glaubte damit spielen zu können, weil er sich auf seine Kraft des Verstandes, die Sicherheit seines Urtheils und seine dreiste Entschlossenheit verließ. Wie manche Menschen, denen Niemand diese Vorzüge zugestehen wird, möchten ihm dennoch gern nachahmen! Alle, die sich ihn zum Muster nehmen und mit einer Geschmeidigkeit des Verstandes, die sie macchiavellisch nennen, die Schwäche ihres Charakters, ihre Eitelkeit, ihren Leichtsinn zu beschönigen suchen, mögen sich zur Warnung dienen lassen, was ihrem angeblichen Vorbilde begegnete, [pg 27]als der Tod des Herzogs von Urbino Gelegenheit zu neuen Versuchen für die Herstellung der Republik gab, und einer derselben endlich gelang. Welchen häßlichen Contrast damit bildete das Buch vom Fürsten! Der Verfasser hätte das Meisterstück seiner Feder gern unterdrückt: aber es hatte sogleich, nachdem er es aus den Händen gegeben, zu viele Bewundrer gefunden: so verlor er den endlichen Lohn so vieler gefahrvoller und mit schwerem Leiden verbitterter Unternehmungen, weil er nicht, einer Partei standhaft ergeben, mit Beharrlichkeit hatte erwarten mögen, ob das Schicksal ihr vergönnen würde, das Haupt wieder zu erheben.
Wer unter allen Umständen etwas bedeuten will, jedem Herrn und zu jedem Zwecke dient, nur damit Er etwas gelte, verfehlt das Ziel, nach dem er mit allzu großer Begierde sich übereilt. Aller Aufwand von Verstand und Talenten ist unzureichend, um eine wirklich große Rolle zu spielen: dazu gehört ein großer Charakter. Durch die allzu rege unruhige Eitelkeit wird das schärfste Urtheil irre gemacht, und die Dreistigkeit im Denken ist oft nur eine Versuchung mehr, sich verderblichen Anschlägen zu überlassen. Ueberhaupt hat derjenige, der mit besonnener Mäßigung nach dem Besitze äußerer Güter strebt, weit mehr Wahrscheinlichkeit sie zu erhalten, als der, dem sie um keinen Preis zu theuer sind, und der sie unter jeder Bedingung besitzen will. Der Eigensinn der rastlosen Begierde erregt gemeiniglich selbst unüberwindliche Schwierigkeiten. Sogar die öffentliche Achtung, welche den Gegenstand des edelsten Triebes ausmacht, darf nicht allzu begierig gesucht werden. Sie ist von der freien Gesinnung der Menschen, mithin auch von ihrer Laune abhängig. Sie läßt sich nicht abbringen, folgt aber freiwillig dem, der sie verdient, ohne sie zu begehren. Bemerken die Menschen, daß man sich ängstlich um ihren Beifall bemüht, so widerstrebt ihre Selbstsucht. Der Neid versteckt sich hinter dem Vorwand, es sei nur auf die Befriedigung des Ehrgeizes und der Herrschsucht abgesehen. Wer sich aber nicht in seinen Bemühungen für Zwecke, die den Beifall der Menschen verdienen, durch die Begierde nach dem Genusse dieses äußern Lohns irre machen läßt, und niemals seinem eignen Bewußtsein die [pg 28]fremde Bewunderung vorzieht, dem wird auch diese letzte nicht entgehen.
Wenn man das Buch vom Fürsten richtig schätzen will, so muß man nicht vergessen, daß der Verfasser nirgends in der Geschichte als Hauptperson erscheint, sondern immer nur eine untergeordnete Rolle spielt. Es rührt von einem trefflichen Beobachter her, der in die handelnde Welt mit eingegriffen hatte, sich aber nicht berufen fühlte, seine Lehren selbst in Ausübung zu bringen. Die Schriften solcher Männer, welche die Grundsätze, die sie aufstellen, aus ihren eignen Handlungen nehmen, haben einen ganz andern Charakter. Vielleicht ist mehr Wahrheit in den Erzählungen einfacher Beobachter; denn es hat doch schwerlich jemals ein Mann, der große Dinge geleistet hatte, von sich selbst geschrieben, ohne daß sein Wunsch, der Welt etwas anders zu erscheinen als in seinem eignen Bewußtsein, einigen Einfluß auf seine Darstellung gehabt hätte. Aber dagegen sprechen die Empfindungen mit mehr Lebendigkeit in den Werken derer, die von eignen Handlungen reden. Es ist doch etwas Andres, zu sagen, was man selbst gethan, oder in allem Ernste bereit ist zu thun; oder Pläne anzugeben, die Andre ausführen sollen. Bei diesen Spielen des Verstandes setzt man sich über Alles weg: sobald man aber selbst handeln soll, erscheinen die Dinge ganz anders, und alsdann lassen die Einwendungen des Gewissens sich nicht so abweisen. Es ist noch immer die Frage: ob Macchiavelli, wenngleich er nach den Aussagen von Schriftstellern, die ihm nicht aus politischen Gründen abgeneigt waren, im Privatleben ein „schlechter Mensch“ gewesen sein soll, das Alles hätte thun mögen, was er, der wohl wußte, daß er nicht Fürst werden würde, demjenigen rieth, der danach strebte.
Es gibt Menschen, bei denen alle Kräfte in den Kopf treiben; die mit der durchdringendsten Schärfe des Verstandes Alles durchschauen und zu jedem möglichen Zwecke die Mittel auf das Treffendste anzugeben wissen: die aber in der Beurtheilung der Zwecke von ihrer eignen Einbildungskraft oder von Vorspiegelungen Anderer leicht irre [pg 29]geführt werden. Solche Männer sind recht gemacht, als Rathgeber zu glänzen. Man hört sie gern, weil sie nichts gegen die Absichten einwenden, die die Neigung einflößt und sich so gut darauf verstehen, diese Zwecke zu erreichen. Aber sie sind gefährliche Rathgeber. Denn weil die Zweckmäßigkeit aller Mittel sie weit mehr interessirt, als die Beschaffenheit der Zwecke selbst, so überlassen sie sich dreist allen Combinationen des Witzes; und das um so viel mehr, wenn sie nicht selbst ausführen sollen, was sie ausgedacht haben. Man findet daher auch bei ihnen mit dem bewunderungswürdigsten Verstande eine Versatilität in den Grundsätzen und Absichten, die unbegreiflich scheint, bis man bemerkt, daß es nicht die Sachen selbst sind, an denen sie Freude finden; daß es in einem wie im andern Falle nur das Spiel des Verstandes ist, das sie interessirte. Ist vollends das Talent des Redners oder Schriftstellers mit jenen Vorzügen verbunden, so werden leicht die edelsten Gesinnungen und größten Ideen nur als Mittel angesehen, Pläne des Augenblicks auszuführen, und nach der Wirkung, die der Ausdruck derselben auf den Zuhörer oder Leser macht, geschätzt.