Der Umstand, daß Macchiavelli einen großen Theil der Achtung seiner Zeitgenossen seinen schriftstellerischen Talenten verdankte, ist sehr wichtig. Wenn aus dem Bisherigen klar wird, wie er ein solches Buch hat schreiben können, so ist noch etwas Unbegreifliches darin, daß er es bekannt gemacht hat. Derjenige, dem der Rath gegeben wird, sein Wort zu brechen, und der es eingesteht, daß er diesen Rath befolgen wird, kann sich schwerlich versprechen, Glauben zu finden. Das Buch vom Fürsten ist voll solcher Anschläge, die vereitelt sind, sobald sie bekannt werden. Aber Macchiavelli konnte sich nicht enthalten, das Lieblingskind seines Geistes, das Meisterstück seines Scharfsinns und seiner unvergleichlichen Feder, zur Bewunderung aufzustellen; und es war der allgemeinen Denkart der Großen so angemessen, daß selbst diejenigen, für die es zunächst bestimmt war, kein Arg daraus hatten, es könne ihnen schaden. Es ging also aus einer Hand in die andere.

Gedruckt ward es indessen erst nach des Verfassers [pg 30]Tode.[9] Papst Clemens der Siebente, ein Medici, naher Verwandter des Lorenzo, dem es zugeeignet ist, verstattete unbedenklich die öffentliche Bekanntmachung durch den Druck; und eben dies beweist sehr deutlich, wie sehr die darin herrschende Gesinnung mit der allgemeinen Denkart der Nation übereinstimmte. Eben so hat Gregor der Dreizehnte kein Arg daraus gehabt, was seine Billigung der Pariser Bluthochzeit für eine Wirkung in der christlichen Welt thun würde. In beiden Fällen sah der päpstliche Hof, der nie zurückgeht, sich durch die allgemeine Stimme genöthigt, einen öffentlichen Schritt zu thun, um das Aergerniß zu heben. Als das Geschrei über Macchiavelli’s Fürsten laut wurde, verdammte Paul der Vierte das Buch 1559. Der Scandal dauerte fort, und ward so arg, daß 1592 einem Enkel des Verfassers, dem Niccolo Macchiavelli, in Gemeinschaft mit einem Neffen desselben, Giuliano de’ Ricci, der Auftrag gegeben ward, das Tadelnswürdige aus dem Werke wegzuschaffen. Da aber Niemand Interesse daran hatte, sie zu einer Arbeit anzutreiben, deren Absicht durch die Ankündigung schon erreicht war, so unterblieb sie, und das Buch ward bis heute unzählige Male unverändert so aufgelegt, wie es hier folgt.


[pg 31]

Das Buch vom Fürsten.

Zueignung
an den Großmächtigen Lorenzo, Sohn des Piero, von Medici.[10]

Diejenigen, welche die Gunst eines Fürsten zu erwerben trachten, pflegen sich ihm mit dem zu nähern, was ihnen unter Allem, das sie besitzen, das Liebste ist, oder ihm am meisten zu gefallen scheint: daher ihm so oft Pferde, Waffen, Teppiche, Edelsteine und andre Zierrathen überreicht werden, die seiner Größe würdig scheinen. Indem ich mich Euch, großmächtiger Herr, mit einem Beweise meiner unterthänigen Ergebenheit zu nahen wünsche, finde ich nichts in meinem Vorrathe, was mir werther wäre, oder ich höher schätzte, als die Kenntniß der Handlungen großer Männer, die ich durch lange Erfahrung der neuern Zeit und unablässiges Lesen der Alten erworben. Diese habe ich mit großem Fleiße lange durchdacht und geprüft, und jetzt in ein kleines Buch zusammengefaßt, welches ich Euch überreiche, großmächtiger Herr. Und obgleich ich einsehe, daß es nicht werth sei, vor Euch gebracht zu werden, so hoffe ich doch von Eurer freundlichen Gemüthsart, es werde gut aufgenommen werden, in Anbetracht, daß ich kein größeres Geschenk zu geben vermag, als dieses, welches in den Stand [pg 32]setzt, in so kurzer Zeit Alles einzusehen, was ich in vielen Jahren, mit so vielen Gefahren und Mühseligkeiten erlernt und begriffen habe. Dieses Werk ist von mir nicht geschmückt, noch mit vielem Wortgepränge oder anderer Schminke und äußerer Zierde aufgeputzt, wie viele Andre ihre Werke zu schreiben und zu schmücken pflegen: weil ich wollte, daß die Sache selbst sich ehre und die Wahrheit des Inhalts und der Ernst der Ausführung allein das Buch empfehle. Es werde mir aber nicht als eine Anmaßung ausgelegt, daß ich, ein Mann von geringem Stande, es wage, über die Handlungen der Großen zu urtheilen, und mich erdreiste sie zurecht zu weisen. Denn so wie diejenigen, welche Landschaften aufnehmen, in die Ebene herabsteigen, um die Gestalt der Berge und Höhen zu betrachten, und auf die Berge steigen, um die Thäler zu beobachten, so erkennen zwar die Großen am besten die Natur des Volkes; um aber die Fürsten zu kennen, muß man aus dem Volke sein. Nehmt daher, großmächtiger Herr, dieses kleine Geschenk, in der Gesinnung, mit welcher ich es überreiche. Ihr werdet darin einen brennenden Wunsch sehen, daß Ihr zu der Größe gelangt, zu welcher Euch die Glücksumstände und andre Eigenschaften bestimmt haben. Wenn Eure Hoheit aber von Eurem erhabnen Standpunkte auf die niedern Orte herabsieht, in denen ich mich befinde, so werdet Ihr erkennen, mit welchem Unrechte ich ein anhaltendes widriges Schicksal ertragen muß.


[pg 33]